lectrix - Notizen einer Leserin

27. Juni 2010

Hans Fallada - Jeder stirbt für sich allein

Abgelegt unter: Hans Fallada — Lectrix @ 22:30

Lange ist es her, dass ich einen Roman von Hans Fallada las,
und auf diesen wurde ich auch nur deshalb in der Bibliothek aufmerksam, weil mich das Titelbild - ein Ausschnitt aus dem Gemälde “Angst” von Felix Nussbaum - stutzen ließ.

Jetzt überlege ich, ob und wem man dieses Buch empfehlen kann, denn es handelt sich ganz sicher um keine vergnügliche Lektüre, weil zutrifft, was Hans Fallada selbst in seinem Vorwort schreibt:

Mancher Leser wird finden, dass in diesem Buch reichlich viel gequält und gestorben wird. Der Verfasser gestattet sich darauf aufmerksam zu machen, daß in diesem Buch fast ausschließlich von Menschen die Rede ist, die gegen das Hitlerregime ankämpften, von ihnen und ihren Verfolgern. In diesen Kreisen wurde in den Jahren 1940-1942 und vorher und nachher ziemlich viel gestorben. [...] Es hat dem Verfasser oft nicht gefallen, ein so düsteres Gemälde zu entwerfen, aber mehr Helligkeit hätte Lüge bedeutet.
[Hans Fallada: Jeder stirbt für sich allein, 3. Auflage, Berlin, Aufbau Taschenbuch Verlag 1994, S. 5]

Mehr mitgenommen als die Schilderung der offiziellen Verhöre, der in diesem Rahmen geschehenen Folterungen und der vielen billigend in Kauf genommenen Todesfälle, hat mich jedoch die Schilderung des alltäglichen Lebens mit der allgegenwärtigen Angst eines jeden vor jedem anderen aufgrund der allseits üblichen Denunziationen.

Dies gelingt Hans Fallada mit recht schlichten Worten und einfachen Satzstrukturen eindringlich zu vermitteln.

Hinzu kommt, dass dieses Buch bereits im Jahre 1946 geschrieben wurde und der Autor sich auf eine wahre Begebenheit bezieht, die er in einer Gestapo-Akte entdeckte.

Es gab tatsächlich ein Ehepaar in Berlin, welches sich zu einem ganz privaten, kleinen Widerstand entschloss und zwei Jahre lang Postkarten in Normschrift mit aufrührischen Texten beschriftete und in fremden Treppenhäusern ablegte, in der Hoffnung auch andere wachzurütteln.

Dieses Wissen macht das Buch für mich noch ergreifender.
Es macht es zu einer Art Denkmal.

Auch wenn dieses Buch dem Leser einiges zumutet,
sollte man sich darum darauf einlassen.


12. Juni 2010

Simon Winchester: Der Mann, der die Wörter liebte

Abgelegt unter: Simon Winchester — Lectrix @ 13:00

Um dieses Buch angemessen vorzustellen, habe ich mich dafür entschieden, sein Ende zu zitieren:

Das war die Geschichte eines amerikanischen Soldaten, der bei der Erschaffung des größten Wörterbuches der Welt mitwirkte. Sein Beitrag ist einzigartig, bewundernswert und unvergeßlich, doch seine Geschichte ist unsäglich traurig. Man könnte leicht vergessen, daß William Chester Minor eigentlich nur deswegen in der Lage war, all seine Zeit und Energie der Entwicklung des Oxford English Dictionary zu widmen, weil er einen grausamen und unverzeihlichen Mord begangen hatte.
Sein Opfer, George Merritt, war ein ganz gewöhnlicher, unschuldiger Bauernsohn aus Wiltshire, der nach London gezogen war, um dort sein Glück zu suchen, und der eine schwangere Frau und sieben kleine Kinder zurückließ, als er erschossen wurde. Die Familie lebte bereits in größter Armut und war bemüht, in ihrem verkommenen Winkel in einem der übelsten Viertel der viktorianischen Hauptstadt wenigstens einigermaßen in Würde durchzukommen. Nun wurde alles noch schlimmer.
[…]

Nur klägliche Überreste retten das Andenken an jene beiden Menschen, deren Schicksal auf so tragische Weise miteinander verbunden war. An William Minor erinnert lediglich ein kleiner Grabstein auf einem Friedhof in New Haven, der mitten in den Slums liegt. An George Merritt erinnert seit Jahren überhaupt nichts, außer einem Fleckchen grauen Rasens auf einem weitläufigen Gräberfeld in Südlondon. Minor hat jedoch einen Vorteil – das große Wörterbuch, die vielleicht bleibendste Erinnerung an ihn. Doch nichts gemahnt daran, daß der Mann, den er getötet hat, ebenfalls ein würdiges Andenken verdient. George Merritt ist ein vollkommen unbesungener Held.
Deshalb scheint es heute, nach mehr als 125 Jahren, angemessen, dieser schlichten Darstellung die Widmung voranzustellen, die ihr vorausgeht. Und deshalb soll dieses Buch ein bescheidener Nachruf auf George Merritt aus Wiltshire und Lambeth sein, ohne dessen viel zu frühen Tod diese Geschichte niemals erzählt worden wäre.
[Simon Winchester: Der Mann, der die Wörter liebte. Eine wahre Geschichte, aus dem Englischen von Harald Stadler, München: Albrecht Knaus Verlag 1998, S. 262f. u.265]

Dieses Zitat verdeutlicht meines Erachtens gleich mehrere Aspekte, die mir bezüglich dieses Buches bemerkenswert erscheinen:

Zunächst wird deutlich mit welcher Menschenfreundlichkeit alle Beteiligten bedacht werden – dies entspricht dem Tenor des gesamten Buches, in dem jedem Menschen mit seinen Eigenheiten Respekt und in hohem Maße Verständnis entgegen gebracht wird.

Zudem erhält man einen Eindruck von dem gehobenen aber gut lesbaren Schreibstil.

Außerdem wird erkennbar, dass es sich weder um einen reißerischen Roman noch um ein trockenes Sachbuch handelt, sondern um ein literarisches Werk, dem ein Sachthema obliegt.

Denn auch wenn das Buch ausdrücklich dem Ermordeten gewidmet wurde, nimmt dessen Lebensgeschichte darin nur wenig Raum ein. Wesentlich mehr Raum wurde der Beschreibung des Lebens des Mörders eingeräumt. Doch geht es eigentlich um etwas anderes, nämlich um die Entstehung des Oxford English Dictionary. Eine Geschichte, die durch dieses Buch interessant vermittelt wird, das Hochachtung für diese Leistung weckt.


5. Juni 2010

Mark Twain: Huckleberry Finns Abenteuer

Abgelegt unter: Mark Twain — Lectrix @ 22:00

Direkt im Anschluss an die von Andreas Nohl vorgenommene Neuübersetzung von Mark Twains “Tom Sawyers Abenteuer” las ich die ebenfalls von Andreas Nohl vorgenommene Neuübersetzung von Mark Twains “Huckleberry Finns Abenteuer”, wobei ich feststellen musste, dass ich diese überhaupt noch nicht kannte.

Dieses Mal kamen somit Spannung, wie die einzelnen Abenteuer wohl enden mögen, zusammen mit Begeisterung hinsichtlich der Erzählweise und Erstaunen über die - trotz aller in der Geschichte enthaltener Gesellschaftskritik dennoch - ersichtlich werdende Verwobenheit Mark Twains in die gesellschaftlichen Vorurteile seiner Zeit.

So gibt es zum Einen in Kapitel 31 die phantastische Passage mit einem inneren Monolog Huckleberry Finns, die ich folgend zitiere:

Ich ging zum Floß zurück und setzte mich in das Wigwam, um nachzudenken. Aber es nutzte nichts.  Ich dachte, bis mir der Schädel brummte, aber ich fand keinen Ausweg. Nach der ganzen langen Reise und allem, was wir für diese beiden Halunken getan hatten, standen wir plötzlich vor dem Nichts, alles war zerstört und im Eimer, weil sie es fertigbrachten, Jim so reinzulegen und ihn wieder lebenslang zum Sklaven zu machen, und auch noch bei Fremden, für vierzig schmutzige Dollar.
Auf einmal dachte ich, es wäre tausendmal besser für Jim, wenn er zu Hause Sklave wäre, dort, wo seine Familie war, wenn er nun schon mal Sklave sein musste, und dass ich am besten einen Brief an Tom Sawyer schrieb und ihm sagte, er sollte Miss Watson sagen, wo er steckte. Aber ich gab den Plan bald wieder auf, aus zwei Gründen: sie war natürlich wütend und empört, dass er so niederträchtig und undankbar gewesen war, sie zu verlassen, und würde ihn sofort wieder den Fluss runter verkaufen. Und wenn nicht, so hat jeder für einen undankbaren Nigger natürlich nur Verachtung übrig und lässt es ihn die ganze Zeit spüren, und so kommt er sich gemein und entehrt vor. Und dann denkt mal an mich! Es würde sich überall rumsprechen, dass Huck Finn einem Nigger zur Freiheit verholfen hat. Und wenn ich je noch mal jemanden aus der Stadt treffen würde, dann müsste ich mich vor ihm in den Staub werfen und ihm vor Scham die Stiefel lecken. So läuft es nämlich immer: Ein Mensch stellt was Mieses an, aber dann will er dafür nicht geradestehen. Er denkt, solange er’s verbergen kann, ist es keine Schande für ihn. Und genauso war’s bei mir. Je länger ich drüber nachdachte, umso mehr nagte mein schlechtes Gewissen an mir und umso schlechter und mieser und gemeiner kam ich mir vor.  Und am Ende, als mir plötzlich klar wurde, dass mir die Hand der Vorsehung voll eine ins Gesicht schlug und mir zu verstehen gab, dass meine Schlechtigkeit die ganze Zeit oben im Himmel gesehen wurde, während ich einer armen alten Frau ihren Nigger wegnahm, die mir nie etwas getan hatte, und dass da immer Einer aufpasst, der nicht erlaubt, dass solche Schandtaten nur so weit und nicht weiter getrieben werden, da hätte es mich vor Angst fast umgehauen. Naja, ich strengte mich mächtig an, irgendwie mildernde Umstände für mich vorzubringen, ich sagte mir, ich bin schlecht erzogen worden und deshalb hab ich nicht so viel Schuld. Aber eine innere Stimme sagte: »Es gab die Sonntagsschule, die hättest du besuchen können. Und wenn du das getan hättest, dann hätten sie dir dort beigebracht, dass Leute, die so handeln wie ich an dem Nigger, zum ewigen Feuer verdammt sind.«
Es machte mir Gänsehaut. Und ich nahm mir fest vor, zu beten und zu versuchen, nicht die Sorte Junge zu sein, die ich war, sondern besser zu werden. Also kniete ich mich hin. Doch die Worte wollten nicht kommen. Warum nicht? Es hatte keinen Sinn, zu versuchen, es vor Ihm zu verbergen. Und auch vor mir nicht. Ich wusste nur zu gut, warum sie nicht kamen. Es war, weil mein Herz nicht gut war. Es war, weil ich nicht anständig war. Es war, weil ich ein doppeltes Spiel trieb. Ich tat so, als wollte ich die Sünde aufgeben, aber tief drin in mir beging ich die größte überhaupt. Ich versuchte, meinen Mund dazu zu bringen, dass er sagte, ich will das Richtige und Gute tun und mich hinsetzen und der Besitzerin des Niggers schreiben und ihr sagen, wo er steckt, aber tief in mir drin wusste ich, dass es eine Lüge war - und Er wusste das. Man kann keine Lügen beten, das habe ich herausgefunden.
So war ich voller Sorgen, so voll wie’s nur ging, und wusste nicht, was ich machen sollte. Schließlich kam mir eine Idee, und ich sagte mir, ich setze mich hin und schreibe den Brief - und dann schaue ich, ob ich beten kann. Meine Güte, es war erstaunlich, wie leicht ich mich auf einmal fühlte, leicht wie eine Feder, und alle meine Probleme waren weg. Also nahm ich mir einen Zettel und einen Stift, richtig froh und begeistert, und setzte mich hin und schrieb:

Miss Watson, Ihr abgehauner Nigger Jim ist hier unten zwei Meilen flussabwärts von Pikesville und Mr. Phelps hat ihn jetzt und gibt ihn für die Belohnung zurück, wenn Sie sie schicken. HUCK FINN

Ich fühlte mich gut und zum ersten Mal in meinem Leben von Sünde reingewaschen, und ich wusste, dass ich jetzt beten konnte. Aber ich machte es nicht gleich, sondern legte den Zettel hin und dachte erst noch mal nach. Ich dachte, was für ein Glück ich hatte, dass alles so gekommen war, und dass ich beinahe verloren gewesen und in die Hölle gekommen wäre. Und ich grübelte weiter und dachte an unsere Reise den Fluss runter. Und die ganze Zeit sah ich Jim vor mir, am Tag und in der Nacht, manchmal im Mondlicht, manchmal bei Unwetter, und wie wir weiter trieben, redeten und sangen und lachten. Doch irgendwie fiel mir nichts ein,  was mich gegen ihn einnahm, sondern nur im Gegenteil. Ich sah, wie er für mich die Wache zusätzlich zu seiner übernahm, statt mich zu rufen - so dass ich weiterschlafen konnte. Und ich sah, wie glücklich er gewesen war, als ich aus dem Nebel zurückkam. Und wie ich ihn im Sumpf wieder fand, dort oben, wo die Fehde war. Und lauter solche Dinge. Und wie er mich immer Junge nannte und mich in den Arm nahm und alles für mich tat, was ihm nur einfiel. Und dann fiel mir noch ein, wie ich ihn gerettet hatte, als ich den Männern erzählte, wir hätten die Pocken, und wie dankbar er war und sagte, das sei der beste Freund, den der alte Jim auf der Welt hatte, und der einzige, der ihm noch geblieben war. Und dann sah ich auf, und mein Blick fiel zufällig auf den Zettel.
Es war ausweglos. Ich nahm ihn in die Hand und hielt ihn vor mich hin. Ich zitterte regelrecht, weil ich wusste, dass ich mich für alle Ewigkeit zwischen zwei Dingen entscheiden musste. Ich betrachtete ihn eine Minute lang, fast mit angehaltenem Atem, und dann sagte ich:
»Na gut, dann komm ich eben in die Hölle”« und zerriss ihn.
(Mark Twain: Huckleberry Finns Abenteuer, in: Mark Twain: Tom Sawyer & Huckleberry Finn, hrsg. und übersetzt von Andreas Nohl, München: Carl Hanser Verlag 2010, S. 513-516)

Aber zum Anderen, wird Jim anders beschrieben als alle die Erwachsenen in diesem Buch, die weiß sind. So gibt es zwar jede Menge leicht zu betrügendes Volk, aber niemand wird als so gutmütig, abergläubisch, hilfsbereit aber dennoch völlig unselbständig wie Jim dargestellt. Das stimmt nachdenklich, wird dadurch doch wiederum ein - wenn auch sicherlich positiv gemeintes - bedenkliches Bild vom Schwarzen tradiert.

Davon abgesehen handelt es sich aber um einen wunderbare Geschichte mit vielen spannenden Episoden: sei es zu Beginn die Schilderung von Huckleberrys Flucht vor seinem Vater; sei es der Moment, als Jim von der Schlange gebissen wird; sei es die Szene, in der Huckleberry versucht, sich als Mädchen auszugeben; sei es der Moment, als die Sklavenjäger sich dem Floss nähern; sei es die Kollision mit dem Schaufelraddampfer…  Sehr amüsant und sicherlich unvergesslich werdend, die Ausführungen zu den diversen, mehr oder weniger erfolgreichen Aktionen des Königs und des Herzogs, um durch Betrug zu Geld zu kommen… Nur bezüglich der letzten Kapitel bin ich unsicher - auch wenn ich zugeben muss, dass mich dort etliche der Szenen zum Schmunzeln brachten - denn ich finde, dabei erstens zu überraschend (oder der epischen Kausalität unterworfen), dass ausgerechnet zu diesem Zeitpunkt und Ort Tom Sawyer auftaucht, und zweitens, dass die immer kompliziertere Inszenierung der Befreiung Jims als Spiel der beiden Jungs, die entstandene Freundschaft zwischen Huckleberry und Jim in Frage stellt - doch vielleicht war dies gerade die Absicht Mark Twains, die Brüchigkeit von beginnenden Veränderungen aufzuzeigen, falls dem so sein sollte, ist es ihm gelungen.

So oder so, kann ich die Lektüre nur empfehlen.


28. Mai 2010

Mark Twain: Tom Sawyers Abenteuer

Abgelegt unter: Mark Twain — Lectrix @ 18:00

Mitte April wurde im Deutschlandradio Kultur auf eine beachtenswerte Neuübersetzung von Mark Twains ‘Tom Sawyer’ sowie ‘Huckleberry Finn”  aufmerksam gemacht, die gerade im Hanser Verlag erschienen ist. Dabei wurde vor allem gewürdigt, dass dem Übersetzer und Herausgeber Andreas Nohl gelungen wäre, die sprachlichen Besonderheiten und den Charakter der Erzählung tauglich ins Deutsche zu übertragen. Mein Interesse weckte jedoch insbesondere der Hinweis, dass zwar die meisten die Lausbubengeschichten um Tom Sawyer bereits als Kind gelesen bzw. zumindest die Verfilmung gesehen hätten, man jedoch erst bei der Lektüre dieser Erzählung als Erwachsener entdecken wird, dass Mark Twain in satirischer Weise ein Bild der rückständigen, rassistischen und abergläubischen Gesellschaft der amerikanischen Südstaaten liefert.

Bei nächster Gelegenheit erwarb ich deshalb die 2010 erschienene gebundene Ausgabe aus dem Carl Hanser Verlag, obwohl in den Buchhandlungen anlässlich des aktuell anstehenden 100. Todestages von Mark Twain auch etliche preiswertere Taschenbuchausgaben auslagen. An dieser Stelle sei bereits angemerkt, dass sich die Mehrinvestion nicht nur wegen der Neuübersetzung, sondern auch wegen des schönen Gesamteindrucks dieser Ausgabe sowie des ausführlichen Nachwortes und der zahlreichen Anmerkungen am Ende des Buches bezahlt macht.

Die Lektüre war hinsichtlich der enthaltenen Abenteuer - das sei zugegeben - nicht sonderlich spannend, denn selbstverständlich kennt man diese und ihren jeweiligen Ausgang.  Als Beispiele seien an dieser Stelle genannt: wie Tom, die anderen Jungs dazu bringt, für ihn den Zaun zu streichen; wie Tom, sich den Bibel-Preis erschleicht; wie Tom mit Joe und Huckleberry Finn auf eine Insel fliehen und später ihrer eigenen Beerdigung beiwohnen; wie Tom und Huckleberry Finn Indianer Joe bei einem Mord auf dem Friedhof beobachten, den dieser jedoch einem anderen anzuhängen versucht;  wie die beiden dann versuchen Indianer Joe seinen Schatz abzujagen und natürlich, wie Tom und Becky sich in der Höhle verirren… All das fiel mir spätestens wieder ein, wenn ich zu der jeweiligen Passage kam.

Umso interessanter war jedoch, was im Rahmen bzw. am Rande dieser für Kinder spannenden Handlungen nebenbei erzählt wird - wobei ich mich noch frage, ob ich als Kind einfach darüber hinweg las, weil ich es nicht verstand, oder ob es in der damaligen Kinderausgabe vorsorglich als nicht kindgerecht  weggekürzt wurde…

Als Beispiel sei der ‘Prüfungstag’ angeführt, bei dem dem Leser vorab schon angekündigt wird, dass die Schüler einen Komplott ausheckten, um sich an dem ihnen so verhassten Lehrer eindrucksvoll zu rächen. Natürlich wusste ich noch, dass der Lehrer den Rohrstock sehr schnell zur Hand hatte. Natürlich wusste ich noch, dass er ein tyrannisches Wesen hatte. Außerdem wusste ich noch, dass es den Jungen gelang, das Toupet des Lehrers während der öffentlichen Prüfungen von seinem Kopf zu angeln und ihn mit zuvor vergoldetem Haupt vor sämtlichen Honoratoren der Stadt bloß zu stellen.  Aber an diese Passage dazwischen konnte ich mich nicht erinnern:

Und nun war der Höhepunkt des Abends an der Reihe - selbst verfasste Aufsätze der jungen Damen. Nacheinander traten sie an den Rand der Bühne, räusperten sich, hielten ihr Manuskript (mit hübschen Bändern gebunden) in die Höhe und begannen zu lesen, wobei sie sorgfältigst auf »Betonung« und »Satzzeichen« achteten. Die Themen waren die gleichen wie diejenigen, die bei ähnlichen Gelegenheiten schon von ihren Müttern, ihren Großmüttern und zweifellos von sämtlichen weiblichen Vorfahren bis zurück zu den Kreuzzügen erschöpfend behandelt worden waren. »Freundschaft« lautete eines; »Erinnerungen an verflossene Tage«; »Religion in der Geschichte«; »Traumland«; »Die Überlegenheit der Kultur«; »Vergleich und Gegenüberstellung unterschiedlicher Regierungsformen«; »Melancholie«; »Kindesliebe«; »Sehnsucht des Herzens« usw. usf.
Ein hervorstechendes Merkmal dieser Aufsätze war die liebevoll gehegte und gepflegte Missgelauntheit, ein anderes der verschwenderische und überschäumende Erguss »guten Stils«, ein weiteres die Neigung, besonders gewählte Worte und Phrasen an den Haaren herbeizuzerren, bis sie vollkommen abgedroschen waren. Und eine Besonderheit, die sie kennzeichnete und verunstaltete, war die unvermeidliche und schwer zu ertragende Moralpredigt, die am Ende eines jeden Aufsatzes mit ihrem verkrüppelten Schwanz wedelte. Gleichgültig, um welches Thema es ging, es wurde in einer hirnmarternden Anstrengung so hingebogen, dass das sittliche und fromme Gemüt sich daran erbauen konnte. Die schreiende Heuchelei dieser Moralpredigten war jedoch kein Grund, diesen Brauch von der Schule zu verbannen, und sie ist es bis heute nicht. Sie wird es wahrscheinlich nie sein, solange die Welt besteht. Es gibt keine Schule in unserem Land, wo die jungen Damen sich nicht genötigt sehen, ihre Aufsätze mit einer Moralpredigt abzuschließen. Und man wird feststellen, dass die Moral des leichtfertigsten und am wenigsten frommen Mädchens stets die längste und frömmlerischste ist. Doch genug hiervon. Die schlichte Wahrheit ist ungenießbar.
Kehren wir zur »Prüfung« zurück. Der erste Aufsatz, der vorgelesen wurde, trug den Titel: »Ist dies tatsächlich das Leben?«
(Mark Twain: Tom Sawyers Abenteuer, in: Mark Twain: Tom Sawyer & Huckleberry Finn, hrsg. und übersetzt von Andreas Nohl, München: Carl Hanser Verlag 2010, S. 161f.)

Hier argwöhne ich, dass in einer gekürzten Fassung dabei einfach der Abschnitt zwischen,  “Und nun war der Höhepunkt des Abends an der Reihe - selbst verfasste Aufsätze der jungen Damen. Nacheinander traten sie an den Rand der Bühne, räusperten sich, hielten ihr Manuskript (mit hübschen Bändern gebunden) in die Höhe und begannen zu lesen, wobei sie sorgfältigst auf »Betonung« und »Satzzeichen« achteten.” und “Der erste Aufsatz, der vorgelesen wurde, trug den Titel: »Ist dies tatsächlich das Leben?«” fortgelassen wurde. Ich bin aber nicht sicher.

So geht es mir während der Lektüre an etlichen Stellen - und stets werden diese Einschübe von mir als wertvolle Randbemerkungen empfunden.

Bei anderen Passagen fürchte ich jedoch, dass sie auch in der Kinderausgabe enthalten waren, von mir jedoch - im Rückblick erschreckend - nicht als zu problematisierende Szenen wahrgenommen wurden. Hierzu als  Beispiel einen Ausschnitt aus einem Gespräch zwischen Tom und Huckleberry Finn, in dem sich selbst die Sympathieträger der Geschichte ganz nebenbei als völlig vom rassistischen Gedankengut ihrer Gesellschaft durchdrungen zeigen:

»Klingt gut. Und wo willst Du dann schlafen?«
»In Ben Rogers Heuboden. Er hat nichts dagegen und auch der Uncle Jake, der Nigger von seinem Pa, nicht. Ich schlepp immer Wasser für Uncle Jake, wenn er will, und jedes Mal, wenn ich ihn frage, gibt er mir was zu essen ab, wenn er’s übrig hat. Das ist ein wahnsinnig netter Nigger, Tom. Er mag mich, weil ich nie so tu, als ob ich was Bessres wäre als er. Manchmal setze ich mich sogar zu ihm und ess mit ihm. Aber das musst Du nicht weitersagen. Man tut manchmal Sachen, wenn man sehr hungrig ist, die man sonst nicht tun würde.«
(Mark Twain: Tom Sawyers Abenteuer, in: Mark Twain: Tom Sawyer & Huckleberry Finn, hrsg. und übersetzt von Andreas Nohl, München: Carl Hanser Verlag 2010, S. 203)

Mit dem Abstand etlicher Jahre und in dieser Zeit sensibilisiert für gewisse Themen liest man Tom Sawyers Abenteuer so auf völlig neue Weise.

Ich kann die (erneute?) Lektüre dementsprechend jedem nur empfehlen.


26. Juli 2008

Michael Böckler: Sterben wie Gott in Frankreich

Abgelegt unter: Michael Böckler — Lectrix @ 07:55

Dieser Roman wurde mir von einer Freundin geliehen, die sich sicher war, dass er mir gefallen würde.
Sie hatte Recht. Ich habe ihn in meinem Urlaub mit größtem Genuss gelesen.

Neben reizvollen Beschreibungen Südfrankreichs und einer schönen Liebesgeschichte bietet dieser Roman einen durchdachten Kriminalfall, der vielleicht nicht sonderlich reißerisch und in diesem Sinne fesselnd sein mag, aber aufgrund der ungewöhnlichen Thematik und der damit verbundenen andersartigen Leidenschaften durchweg interessant bleibt und schließlich zu einer stimmigen Lösung führt.

Als wohltuend empfand ich insbesondere den niveauvollen Schreibstil, auf den man - meines Erachtens - bei modernen Krimis allzu oft verzichten muss, weil entweder zu viele meinen, dass es bei diesem Genre nicht darauf ankommt, oder sogar die Auffassung vertreten, dass Geschichten mit einem Privatermittler ’schnoddrig’ klingen müssten.

Aber der Privatermittler dieses Romans, Hippolyt Hermanus, hat nicht nur einen ungewöhnlichen Namen, sondern ist auch durchaus außergewöhnlich. Eine gehobenere Ausdrucksweise passt sowohl zu ihm als auch zu seinem Sujet. Sein erster Auftritt im Rahmen einer exklusiven Weinverkostung ist sehr gelungen, aber zu lang zum Zitieren und soll deshalb dem Lesen im Gesamtzusammenhang vorbehalten bleiben. Als Leseprobe wurde deshalb seine nachfolgende Vorstellung heran gezogen:

Praunsberg stellte die Flasche wieder ab und wendete sich an seinen Freund Karl, der Hipp mitgebracht hatte. »Ich denke, du bist uns eine Erklärung schuldig!«
Karl Talhammer hob grinsend und in gespielter Verzweiflung die Hände in die Höhe. »Weil du mich nie ausreden lässt. Du bist selbst schuld. Ich wollte dir doch zu Beginn unbedingt erzählen, dass Hipp Hermanus ein Spezialgebiet hat. Aber du wolltest nichts davon wissen…«
»Du hast gesagt. er ist Psychologe, war bei der Polizei und arbeitet jetzt als privater Ermittler.«
»Siehst du, du unterbrichst mich schon wieder«, entgegnete Talhammer. »Er arbeitet als privater Ermittler, das ist richtig, aber fast ausschließlich auf seinem Spezialgebiet, und das sind nun mal die Weine.«
»Was gibt es da zu ermitteln? Etwa die Rebsorte und den Jahrgang?«, fragte Schmid.
»Nein, rund um den Wein, vor allem bei den teuren Flaschen und den so genannten Raritäten gibt es viele Betrügereien«, erklärte Karl Talhammer. »Erst heute haben wir mit Hilfe von Hipp Hermanus einen geschickt angelegten Versicherungsbetrug eines Privatsammlers aufgedeckt, der uns über eine Million Euro gekostet hätte. Vorige Woche sind bei einer Auktion in London einige Flaschen Château d’Yquem aus dem 19. Jahrhundert unter den Hammer gekommen. Hipp ist sich sicher, dass sie aus einem schon länger zurückliegenden Einbruch in England stammen und dass die Dokumente über die Herkunft manipuliert sind. Und dann gibt es noch all diese Fälschungen, sündteure Flaschen, in denen alles Mögliche ist, aber nur nicht der Wein, der auf den Etiketten steht.«
»So etwas gibt es?« Schmid schaute entsetzt.
»Ja, leider«, erklärte Praunsberg, »diese Raritäten werden gehandelt, versteigert, unter der Hand verkauft…«
»… und versichert«, fuhr Talhammer fort. »Wenn da jemand ermitteln soll, dann muss er sich bei Weinen extrem gut auskennen. Hipp ist aus sehr privaten Gründen aus dem Polizeidienst ausgeschieden, hat sich scon immer intensiv mit Wein beschäftigt und besitzt sogar einen Abschluss an der berühmtesten Sommelier-Schule in Bordeaux. Mit dieser Kombination, erstens Psychologe, zweitens ehemaliger Sonderermittler bei der Polizei und drittens Weinexperte, ist er für uns unersetzbar. Auch wenn er als Mensch nicht immer ganz einfach ist und so seine Eigenarten hat…«
(Michael Böckler: Sterben wie Gott in Frankreich. Ein Wein-Roman, München: Knaur 2004, S. 37-39)

Damit dürfte nun auch hinreichend geklärt sein, dass - auch wenn Morde geschehen und aufgeklärt werden sollen - Wein das eigentliche Thema liefert. Sei es als Tatwaffe, Motiv, Leidenschaft oder allgegenwärtige Begleitung.

Sehr erfreulich fand ich bei der Lektüre insbesondere, das von Michael Böckler angewendete Mittel, über die vielen Informationen zu Weinen und Besonderheiten der französischen Regionen, die schon angenehm in die Geschichte verpackt sind, häufig am Seitenrand auch noch ergänzende Erklärungen unterzubringen, die dem weinunkundigen Laien das Verständnis erleichtern oder auch einfach interessante Zusatzinformationen liefern, die in den Text zu integrieren unpassend und den Lesefluss hemmend gewesen wären, aber mir dennoch äußerst willkommen waren.

Das recht umfangreiche Supplement am Ende des Buches, in dem die an den Seitenrändern aufgeführten und noch weitere Informationen enthalten sind, ist zum Nachlesen geeignet.

Ich habe bei der Lektüre auf jeden Fall recht viel über Wein gelernt
- bin aber vor allem angeregt worden, bewusster Wein zu trinken.

Der Roman führt also noch über das Lesen hinaus zu Genuss.


18. Mai 2008

Françoise Dorner: Die letzte Liebe des Monsieur Armand

Abgelegt unter: Françoise Dorner — Lectrix @ 13:00

Eine liebenswerte Geschichte, die ich dieses Wochenende mit Genuß las.

Mit Gespür für die leisen zwischenmenschlichen Töne, sowohl für unauffällige Aufmerksamkeiten als auch für unterschwellige Gemeinheiten, sowie einer gehörigen Portion Humor erzählt Françoise Dorner von dem verwitweten älteren Herrn Monsieur Armand und der noch auf der Suche befindlichen jungen Frau Pauline, die nach und nach eine innige Beziehung zueinander aufbauen. Dabei geht es weniger um Sexualität als um Respekt. Etwas, was beide ersehnen, doch von Ihrer sonstigen Umgebung vermissen.

»Komisch, daß sie gedacht hat, Sie wären mein Großvater! Finden Sie, daß wir uns ähnlich sind?«
Verdattert sah ich sie an. Ich hatte die Mutmaßung ihrer Chefin dem Altersunterschied zugeschrieben, und sie dachte ganz schlicht an Familienähnlichkeit.
»Schon möglich, daß wir etwas gemeinsam haben. Sie sind aber nicht verpflichtet, mit mir zu essen, Pauline.«
Mit verschmitztem Lächeln zog sie mich vorwärts. Im Gehen kostete ich den Augenblick aus, in dem ich sie zum erstenmal beim Vornamen genannt hatte. Bei einer kleinen Grünanlage hinter einer Kirche sagte sie, ich solle die Augen zumachen und auf sie warten. Vergnügt schloß ich die Augen. Nach einigen langen Minuten riß ich sie wieder auf, von jäher Angst gepackt, sie hätte mich vergessen. Oder hätte jemanden Interessanteres getroffen als mich. Doch da kam sie gelaufen. Aus einer Papiertasche zog sie zwei Coca-Cola, zwei Portionen Ketchup und zwei Hot dogs. Welche Schmach, so alt zu sein, dachte ich, nicht des Alters wegen, sondern weil ich im Lauf der Jahre so viel Gleichgültigkeit, Frechheit und Verrat erlebt hatte, daß ich niemandem mehr traute.
»Mögen Sie Hot dogs?«
Würstchen mit Ketchup hatte ich wohl seit einem halben Jahrhundert nicht gegessen. Coca-Cola hingegen trank ich bisweilen, hinterm Rücken meiner Kinder. Cola, Zigaretten, Philosophie, Stille, alles, was ich liebte, verabscheuten sie.
»Ja, sehr«, sagte ich leise. »Was bin ich schuldig?«
»Sie bezahlen das nächste Mal«, damit öffnete sie ihr Tütchen Ketchup.
»Mit Vergnügen«, sagte ich, um einen sachlichen Ton bemüht, und schnappte mir forsch die Cola wie ein Junger.
(Françoise Dorner: Die letzte Liebe des Monsieur Armand, Zürich: Diogenes 2007, S. 25 f.)


10. April 2008

Eliot Pattison: Das Auge von Tibet

Abgelegt unter: Eliot Pattison — Lectrix @ 23:55

Da mir “Der fremde Tibeter” so gut gefiel, suchte ich bei meinem nächsten Besuch in der Stadtbibliothek gezielt nach dem folgenden Krimi aus der Reihe mit dem Ermittler Shan, den ich dann auch gleich verschlang.

Dieser Roman spielt zwar hauptsächlich in Xinjiang, aber natürlich kommt den Sichtweisen der tibetischen Mönche eine tragende Rolle zu. Und ebenso wie im vorherigen Buch geht es wieder um den Erhalt von Kunstschätzen und Traditionen - in diesem Fall insbesondere der Lebensart der kasachischen Nomaden dieser Region, die durch Programme der chinesischen Regierung zur “Förderung des Wohlstands der Minderheiten” oder “Beseitigung der Armut” ohnehin gefährdet wird, welche jedoch erst in der von Machtstreben gelenkten Auslegung durch gewissenlose Einzelne an Brisanz gewinnen. Diese sind aber nicht der Beweggrund für die Tötung einer Lehrerin und die nach und nach erfolgenden grausamen Morde an den zehnjährigen Waisen, die von ihr bei verschiedenen Nomadenfamilien untergebracht und betreut wurden. Während Shan sich einerseits bemüht die Aufenthaltsorte der Waisen herauszufinden, um sie zu warnen, wodurch er sie zu retten erhofft, versucht er andererseits zu ergründen, um was es bei diesem Fall eigentlich geht. Zu viele verschiedene Gruppen mit jeweils eigenen Interessen scheinen beteiligt oder zumindest damit verwoben zu sein: tibetische Nomaden, Angehörige der tibetischen Widerstandsbewegung, tibetische Mönche, amerikanische Archäologen, russische Emigranten, kasachische Nomaden, kasachische und uigurische Unabhängigkeitskämpfer, chinesische Beamte, chinesische Militärs…

Eliot Pattison gelingt es in diesem Buch wieder zugleich einen spannenden Krimi zu erzählen, der eine schlüssige Aufklärung hat, und Einblick in die tibetische Weltsicht zu geben, aber auch ein Gefühl für die Komplexität der Probleme im Süden Chinas zu vermitteln, denn auch in diesem Buch gibt es auf allen Seiten Personen, die guten Willens sind.


21. März 2008

Agatha Christie: Die Morde des Herrn ABC

Abgelegt unter: Agatha Christie — Lectrix @ 22:15

Da wir seit meinem Geburtstag nach und nach die in der mir geschenkten DVD Collection enthaltenen Folgen der BBC-Verfilmungen von Agatha Christie Kurzgeschichten mit David Suchet als Hercule Poirot genießen, kam ich auf die Idee meinem Lebenspartner den Krimi “Die Morde des Herrn ABC” vorzulesen, der einer der ersten Poirot-Fälle gewesen sein muss, den ich las.

Er beginnt mit einer schriftlichen Herausforderung, die direkt an Hercule Poirot gerichtet ist:

Monsieur Hercule Poirot - Sie lösen doch die heiklen Fälle, deren unsere schwerfällige englische Polizei nicht gewachsen ist oder sie brüsten sich jedenfalls damit, nicht wahr? Jetzt wollen wir doch mal sehen, kluger Mr. Poirot, wie klug Sie sind! Vielleicht ist sogar Ihnen diese Nuß zu hart. Richten Sie Ihr Augenmerk auf Andover am 21. dieses Monats.
Vorzügliche Hochachtung
ABC

Während zu diesem Zeitpunkt noch gehofft werden kann, dass es sich dabei nur um einen Scherz handelt, bestehen nach einem an besagtem Tag in Andover verübten Mord und einem auf ähnliche Weise ebenfalls zuvor angekündigten Mord in Bexhill-on-Sea, bei Eingang der Warnung hinsichlich Churston kaum noch Zweifel, dass auch da ein Mord geschieht und sich diese Serie fortzusetzen droht… Aber was ist das Motiv? Und wie kann der Mörder entlarvt und gestoppt werden?

Mir hat dieses Buch wieder gefallen.
Mein Lebenspartner fand es auch gut.
Wir werden somit in Zukunft sicherlich weitere Poirot-Fälle lesen.


9. März 2008

Eliot Pattison: Der fremde Tibeter

Abgelegt unter: Eliot Pattison — Lectrix @ 11:30

Für die gemeinsame Lektüre dieses Romans haben wir zwar länger gebraucht als sonst, dies lag aber sicher nicht an mangelndem Interesse, sondern lediglich an mangelnder Gelegenheit zum Vorlesen, denn der Roman hat uns sehr gut gefallen.

Eliot Pattison gelingt es, einen packenden - und sich zunehmend als komplexer herausstellenden - Krimi zu erzählen, der zugleich die schwierigen politischen Verhältnisse in Tibet thematisiert und die Lebenseinstellung buddhistischer Mönche vermittelt.

Für den westlichen Leser ist auf jeden Fall gewöhnungsbedürftig, dass diejenigen, für deren Entlastung sich die Hauptperson engagiert, selbst so wenig Interesse an einer Aufklärung des Falls zeigen. Erwartungsgemäß scheinen am Anfang aber die Chinesen wenigstens per se die Bösen zu sein - abgesehen natürlich von der Hauptperson, die aber auch in Ungnade gefallen und zur Strafarbeit in einem Lager verurteilt wurde. So einfach macht es sich der Autor jedoch nicht. Stattdessen sind in allen vorkommenden Volksgruppen intelligentere und naivere, bessere und verwerflichere Akteure auszumachen, handele es sich nun um Chinesen, Tibeter, Europäer oder Amerikaner. Und nach und nach werden die Beweggründe aller Beteiligten nachvollziehbar.

Im Gewand eines Kriminalromans liefert dieses Buch wertvolle Hintergrundinformationen zum gegenwärtig wieder mehr in den Blick der internationalen Öffentlichkeit kommenden Diskussion um die Tibetfrage.

Wir können die Lektüre nur empfehlen!


20. Februar 2008

Diane Broeckhoven: Ein Tag mit Herrn Jules

Abgelegt unter: Diane Broeckhoven — Lectrix @ 22:15

Auf der heutigen Bahnfahrt von Stuttgart nach Hause las ich diese wunderbare Geschichte.

Diane Broekhoven hat wundervoll einfühlsam eingefangen, wie eine alte Frau morgens ihren soeben verstorbenen Mann entdeckt, seinen Tod aber niemanden mitteilt, sondern sich stattdessen noch einen letzten gemeinsamen Tag mit ihm gönnt. Sehr schön auch die Herausforderung, die aus dem Besuch des autistischen Nachbarskinds erwächst, das an diesem Tag ebenso wie jeden Ferientag um 10 Uhr zum Schachspiel mit ihrem Mann herüberkommt und selbstverständlich nicht einfach abgewiesen werden kann…

Er hatte alles verstanden. Ein lebloser Mann auf einem Sofa und eine alte Frau, die dieser vollendeten Tatsache ins Auge sah, paßten in sein Auffassungsvermögen. Das strahlte Sicherheit aus. Jules würde definitiv auf seinem Platz bleiben, die Hände mit den Knien verschmolzen, die halbgeschlossenen Augen auf nichts gerichtet, das Erstaunen wie ein Strich zwischen Nase und Kinn gekerbt. Sie selbst würde nicht weiter als ein paar Meter aus Davids Blickfeld verschwinden, solange er hier war. Nichts Unerwartetes würde in diesem Zimmer geschehen, in dem alles seinen Platz hatte, wie bei einem Schachspiel. Das beruhigte David. Und sie ebenfalls.
Es war für Alice ein Moment der Einsicht, der wortlosen Freude.
(Diane Broeckhoven, übersetzt von Isabel Hessel, 4. Auflage, München: Ch. Beck 2005, S. 74)

Ich kann dieses Buch nur weiterempfehlen, denn es streichelt die Seele.


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