Lectrix – Notizen einer Leserin

12. Juni 2010

Simon Winchester: Der Mann, der die Wörter liebte

Filed under: Simon Winchester — Lectrix @ 13:00

Um dieses Buch angemessen vorzustellen, habe ich mich dafür entschieden, sein Ende zu zitieren:

Das war die Geschichte eines amerikanischen Soldaten, der bei der Erschaffung des größten Wörterbuches der Welt mitwirkte. Sein Beitrag ist einzigartig, bewundernswert und unvergeßlich, doch seine Geschichte ist unsäglich traurig. Man könnte leicht vergessen, daß William Chester Minor eigentlich nur deswegen in der Lage war, all seine Zeit und Energie der Entwicklung des Oxford English Dictionary zu widmen, weil er einen grausamen und unverzeihlichen Mord begangen hatte.
Sein Opfer, George Merritt, war ein ganz gewöhnlicher, unschuldiger Bauernsohn aus Wiltshire, der nach London gezogen war, um dort sein Glück zu suchen, und der eine schwangere Frau und sieben kleine Kinder zurückließ, als er erschossen wurde. Die Familie lebte bereits in größter Armut und war bemüht, in ihrem verkommenen Winkel in einem der übelsten Viertel der viktorianischen Hauptstadt wenigstens einigermaßen in Würde durchzukommen. Nun wurde alles noch schlimmer.
[…]

Nur klägliche Überreste retten das Andenken an jene beiden Menschen, deren Schicksal auf so tragische Weise miteinander verbunden war. An William Minor erinnert lediglich ein kleiner Grabstein auf einem Friedhof in New Haven, der mitten in den Slums liegt. An George Merritt erinnert seit Jahren überhaupt nichts, außer einem Fleckchen grauen Rasens auf einem weitläufigen Gräberfeld in Südlondon. Minor hat jedoch einen Vorteil – das große Wörterbuch, die vielleicht bleibendste Erinnerung an ihn. Doch nichts gemahnt daran, daß der Mann, den er getötet hat, ebenfalls ein würdiges Andenken verdient. George Merritt ist ein vollkommen unbesungener Held.
Deshalb scheint es heute, nach mehr als 125 Jahren, angemessen, dieser schlichten Darstellung die Widmung voranzustellen, die ihr vorausgeht. Und deshalb soll dieses Buch ein bescheidener Nachruf auf George Merritt aus Wiltshire und Lambeth sein, ohne dessen viel zu frühen Tod diese Geschichte niemals erzählt worden wäre.
[Simon Winchester: Der Mann, der die Wörter liebte. Eine wahre Geschichte, aus dem Englischen von Harald Stadler, München: Albrecht Knaus Verlag 1998, S. 262f. u.265]

Dieses Zitat verdeutlicht meines Erachtens gleich mehrere Aspekte, die mir bezüglich dieses Buches bemerkenswert erscheinen:

Zunächst wird deutlich mit welcher Menschenfreundlichkeit alle Beteiligten bedacht werden – dies entspricht dem Tenor des gesamten Buches, in dem jedem Menschen mit seinen Eigenheiten Respekt und in hohem Maße Verständnis entgegen gebracht wird.

Zudem erhält man einen Eindruck von dem gehobenen aber gut lesbaren Schreibstil.

Außerdem wird erkennbar, dass es sich weder um einen reißerischen Roman noch um ein trockenes Sachbuch handelt, sondern um ein literarisches Werk, dem ein Sachthema obliegt.

Denn auch wenn das Buch ausdrücklich dem Ermordeten gewidmet wurde, nimmt dessen Lebensgeschichte darin nur wenig Raum ein. Wesentlich mehr Raum wurde der Beschreibung des Lebens des Mörders eingeräumt. Doch geht es eigentlich um etwas anderes, nämlich um die Entstehung des Oxford English Dictionary. Eine Geschichte, die durch dieses Buch interessant vermittelt wird, das Hochachtung für diese Leistung weckt.


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