Lectrix – Notizen einer Leserin

18. August 2012

James Krüss – Timm Thaler oder Das verkaufte Lachen

Filed under: James Krüss — Lectrix @ 12:59

Wer der in den frühen 70er Jahren Geborenen erinnert sich nicht an den in der Weihnachtszeit gesendeten Fernseh-Mehrteiler „Timm Thaler“? Wer verfolgte nicht gebannt die Geschichte, um den Jungen, der sein Lachen verkaufte? Wer hoffte nicht, dass es ihm gelingen würde, es von dem unheimlichen Baron zurück zu bekommen?

Aber hat sich jemand von uns gefragt, wer sich diese Geschichte ausdachte? Ich habe daran damals jedenfalls keinen Gedanken verschwendet.

Als mir vor einigen Wochen mein Lebenspartner eine Erstausgabe dieses Buches, welche er in einem Nachlass entdeckt hatte, mitbrachte, reagierte ich darum zunächst nur aufgrund meiner positiven Kindheitserinnerungen erfreut.

Jetzt – nachdem ich diesen Roman – meinem Lebenspartner vorgelesen habe, möchte ich das Buch aber unabhängig von der damaligen Verfilmung weiter empfehlen.

Da das Buch 1962 bereits erschien, wirkt der Schreibstil natürlich etwas altmodisch. Auch an der Kleidung und dem konkreten Verhalten der agierenden Personen merkt man, dass der Roman zwar in der Gegenwart spielt, diese Gegenwart aber die Nachkriegszeit war. Sieht man darüber hinweg, stellt man jedoch fest, dass die Geschichte eigentlich zeitlos und die enthaltende Moral immer noch gültig ist.

Es ließ sich sehr gut vorlesen, erwies sich als deutlich sozial-kritischer als ich die Verfilmung in Erinnerung habe und für ein Kinderbuch recht komplex.

Um einen Eindruck zu vermitteln, was ich damit meine, zitiere ich einfach den Beginn des ersten Abschnittes des Buches, der mit „Der erste Tag, an dem erzählt wird, wie der kleine Timm Thaler aufwächst, wie ihn ein großes Unglück trifft, wie sich sein Leben dadurch völlig ändert und wie er mit einem karierten Herrn einen merkwürdigen Vertrag abschließt.“ überschrieben ist:

In den großen Städten mit den breiten Straßen gibt es hinten hinaus heute noch Gassen, die so eng sind, daß man sich durch die Fenster von einer Seite zur anderen die Hand reichen kann. Wenn fremde Besucher, die viel Geld und viel Gefühl haben, zufällig in so eine Gasse geraten, dann rufen sie: Wie malerisch! Und die Damen seufzen: Wie idyllisch und romantisch!
Aber das Idyllische und Romantische sind großer Humbug; denn hinten hinaus wohnen Leute, die wenig Geld haben. Und wer in einer großen reichen Stadt wenig Geld hat, wird grämlich, neidisch und nicht selten zänkisch. Das liegt nicht nur an den Leuten, sondern auch an den Gassen.
Der kleine Timm kam mit drei Jahren in so eine enge Gasse. Seine lustige, rundliche Mutter war gestorben, und der Vater musste, da es zu jener Zeit wenig Arbeit gab, auf den Bau gehen.
[James Krüss: Timm Thaler oder das verkaufte Lachen, Hamburg, Verlag Friedrich Oetinger 1962, S. 20]

Zusätzlich erlaube ich mir, die folgende Passage zu zitieren, die für mich die Kernaussage der Geschichte um Timm Thaler enthält:

Gerade in diesem Augenblick kam der Baron zurück. Und wieder einmal schien er dasselbe wie Timm beobachtet und die Gedanken des Jungen erraten zu haben. Während er sich setzte, sagte er: »Sie sehen, Herr Thaler, daß der Unterschied zwischen Menschen und Tieren nicht groß ist; er ist sozusagen kaum wahrnehmbar.«
»Ich habe über den Unterschied jetzt schon drei Meinungen kennengelernt«, sagte Timm leicht verwirrt. »In einem Hamburger Theater hieß es, das Lachen unterscheidet Mensch und Tier, und es war damit gemeint, daß nur der Mensch lachen kann; auf den Bildern im Museum [Ikonen im byzanthinischen Museum in Athen] war es aber umgekehrt, da lachten die Tiere und niemals ein Mensch; und Sie, Baron, erzählen mir jetzt, daß es überhaupt keinen Unterschied gibt zwischen Mensch und Tier.«
»Nichts auf der Welt ist so einfach, daß man es mit einem Satz erklären könnte«, antwortete Lefuet. »Und was das Lachen für den Menschen bedeutet, das, mein lieber Herr Thaler, weiß überhaupt niemand genau.«
Timm erinnerte sich plötzlich an eine Bemerkung Jonnys und wiederholte sie halb für sich, aber laut genug, daß der Baron sie verstehen konnte: »Lachen ist Freiheit nach innen.«
Die Wirkung dieses Satzes auf Lefuet war merkwürdig. Er stampfte mit dem Fuß auf und rief: »Das hat dir der Steuermann gesagt!«
Timm sah ihn verwundert an, und plötzlich wußte dieser Junge von vierzehn Jahren, dieses halbe Kind, warum der Baron ihm sein Lachen abgekauft hatte und warum sich der düstere karierte Herr auf dem Rennplatz so sehr von dem jetzigen Baron Lefuet unterschied. Er war ein freierer Mann geworden; und es machte ihn wütend, daß Timm das entdeckt hatte.
[James Krüss: Timm Thaler oder das verkaufte Lachen, Hamburg, Verlag Friedrich Oetinger 1962, S. 146]

Wer dieser Steuermann Jonny ist und wie Timm sein Lachen wieder bekommt, sollte aber jeder durch eigene Lektüre heraus finden.

Interessanterweise gibt es in dem Buch darüber hinaus noch eine Rahmenhandlung, die eine weitere Ebene eröffnet.

Darum beende ich meine Vorstellung mit dem Zitat des Anfangs dieses Romans:

Es war in einem Zug von Magdeburg nach Leipzig, in einem langsamen, schmutzigen, überfüllten Zug, wie sie zu jener Zeit, nach dem Ende des zweiten Weltkrieges, dreckigen schwarzen Rauch ausstoßend, überall durch Deutschland klapperten. Ich wohnte damals in der Nähe Hamburgs und fuhr zu einer Druckerei nach Leipzig.
Der Zug war so überfüllt, daß selbst draußen auf den Plattformen zwischen den Waggons die Leute sich drängten. Ich aber war ohne mein Zutun in ein Abteil hineingeraten, indem außer mir nur ein einzelner Herr saß, der, was in jenen Tagen ungewöhnlich war, eine Sonnenbrille trug. Ich hatte beim Eintreten gedacht, es sei ein Diplomatenabteil, und mich zurückziehen wollen; aber der Herr hatte mich ausdrücklich hereingewinkt, und so saß ich nun ihm gegenüber am Fenster.
Er war ein etwas rundlicher Mann unbestimmten Alters, der einen dunklen Anzug anhatte. In seiner Brusttasche trug er ein blütenweißes Ziertaschentuch, dem, wie ich beim Näherkommen bemerkte, ein schwacher Nelkengeruch entströmte. Im Gepäcknetz über ihm ruhte ein schwarzer Koffer.
»Diese übervollen Züge sind etwas Schreckliches«, sagte er, als ich mich gesetzt hatte. »Sind Sie privat unterwegs?« Er sprach einen Akzent, den ich damals noch nicht kannte. Erst später kam ich darauf, daß es der Akzent eines Italieners war.
Ich antwortete ihm, daß ich eigentlich mehr dienstlich unterwegs wäre. »Ich muss in Leipzig ein Buch korrigieren«, sagte ich.
»Ah«, sagte er, »Sie schreiben Bücher. Interessant. Ich hörte gerade, daß es Leute gibt, die davon leben, daß sie bestimmte Bücher nicht schreiben, die sie ursprünglich hatten schreiben wollen.«
»Und was für Leute sind das?« fragte ich.
»Die Weisen, Wissenden, die Welt und Menschen durchschauen«, sagte er. »Sie lassen sich ihr Schweigen von den Mächtigen bezahlen, die keinen Wert darauf legen, das Weisheit allgemein verbreitet wird.«
»Aber ist der, der käuflich ist, denn weise?«, fragte ich.
»Das kann man von verschiedenen Seiten sehen«, sagte der Herr.
[James Krüss: Timm Thaler oder das verkaufte Lachen, Hamburg, Verlag Friedrich Oetinger 1962, S. 12]


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