Lectrix – Notizen einer Leserin

17. Juni 2007

Iain Pears: Das Portrait

Filed under: Iain Pears — Lectrix @ 21:09

Weil mir „Das Urteil am Kreuzweg“ und „Scipios Traum“ so gut gefielen, suchte ich in der Bibliothek nach einem weiteren Buch von Iain Pears und stieß dabei auf „Das Portrait“. Während „Das Urteil am Kreuzweg“ und „Scipios Traum“ sehr umfangreiche Werke mit über 1000 Seiten sind, umfasst „Das Portrait“ noch nicht einmal 200. Diese knapp 200 Seiten haben es jedoch in sich:

Der ganze Text besteht aus einem einzigen Monolog, den ein Künstler seinem Modell hält, während er es porträtiert. Bereits bei den ersten Worten merkt man, dass das Verhältnis zwischen dem Künstler und dem Modell äußerst angespannt ist. Nach und nach erfährt man, dass es sich bei dem Modell um einen angesehenen Kunstkritiker handelt und dass sie sich einst sehr nahe standen. Immer deutlicher spürt man jedoch auch, welche Distanz nun besteht und wie viel Hass der Künstler empfindet. Im Verlauf des Monologs erzählt der Künstler nach und nach seine Lebensgeschichte, lässt sich über das Verhältnis zwischen Kunst, Kritik und Käufern aus und erklärt dabei seinem Modell die Zusammenhänge, die zu einigen tragischen Geschehnissen vor ein paar Jahren, seinem Rückzug aus dem Kunstgewerbe und zu seinen heutigen Gefühlen führten.

Iain Pears gelingt es meisterhaft, die Spannung bis zuletzt aufrecht zu erhalten, das ganz allmähliche Kippen des Machtverhältnisses zwischen dem Künstler und dem Kunstkritiker – bzw. nun Modell – zu verfolgen und die Rache des Künstlers vorzubereiten.

Ganz nebenbei führt Iain Pears den Leser zudem in die Kunst der Jahrhundertwende ein, bietet einen literarischen Einblick in die malerischen Umbrüche dieser Zeit und umrandet das Ganze mit einer Beschreibung der damaligen Gesellschaft und ihrer Gepflogenheiten.

Dieser Roman hat mir sehr gut gefallen.
Ich kann die Lektüre dieses Buches nur empfehlen.


3. November 2006

Iain Pears: Scipios Traum

Filed under: Iain Pears — Lectrix @ 11:00

Von „Urteil am Kreuzweg“ begeistert wollte ich unbedingt noch ein weiteres Buch von Iain Pears lesen und entlieh darum vor einigen Wochen „Scipios Traum“ aus der Bibliothek. Jetzt wo ich es gelesen habe, weiß ich nicht, welches der beiden ich mehr empfehlen soll. Mich persönlich hat „Scipios Traum“ zwar ebenfalls gefesselt, „Urteil am Kreuzweg“ ist jedoch wahrscheinlich für die meisten spannender – besitzen möchte ich auf jeden Fall beide, denn beide sind meines Erachtens allein schon aufgrund ihrer geschickten Komposition Meisterwerke.

Iain Pears stellt in „Scipios Traum“ die Lebensgeschichten dreier Männer – eine aus der Spätantike (Manlius Hippomanes, 5. Jahrhundert), eine aus dem hohen Mittelalter (Olivier de Noyens, 14. Jahrhundert) und eine aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts (Julien Barneuve) – einander nicht nur gegenüber sondern wechselt immer wieder zwischen ihnen hin und her und verwebt sie geschickt miteinander.
Hauptsächlicher Schauplatz des Geschehens ist jeweils die Provence. Da im Mittelpunkt der Erzählungen aller drei Zeiten die unglückliche Liebe – oder zumindest schwierig zu realisieren scheinende Bekenntnis – des Hauptakteurs zu einer jüdischen Frau steht, wird auch dem Herz etwas geboten. In allen drei geschilderten Zeitabschnitten kommt es zudem zu Übergriffen, Pogromen, Verfolgungen der Juden. Das verbindende Element liefert jedoch ein philosophisches Traktat, welches von dem ersten verfasst, vom zweiten abgeschrieben und vom dritten wiederentdeckt wird. Da es immer wieder um die korrekte Deutung des darin Geschriebenen geht, hat man sicherlich mehr von der Lektüre, wenn man auch zumindest ein gewisses Interesse an theologischen Fragestellungen und philosophischen Problemen mitbringt. Darüber hinaus wird in diesem Buch sowohl auf die mittelalterliche Kirchenmalerei als auch die Kunst des 20.Jahrhunderts genauer eingegangen, wobei es Iain Pears ebenfalls geschickt gelingt Verbindungen herzustellen. Eigentliches Thema des Romans ist aber die Beschäftigung mit der Frage, wie man sich in Krisensituationen verhalten sollte.

Zur Zeit Manlius Hippomanes rücken von Norden die Goten und von Westen die Burgunder heran, während das Römische Reich, zu dem man sich noch zugehörig fühlt, keinen Schutz mehr bietet, da es sich insgesamt im Niedergang befindet.
Zur Zeit Olivier de Noyens residiert der Papst in Avignon. Der Kardinal, zu dessen Gefolgschaft Olivier de Noyens gehört, würde ihn allerdings lieber wieder außerhalb des Einflusses des französischen Königs, zurück in Rom sehen und spinnt deshalb eine großangelegte Verschwörung. Währenddessen bricht zudem die Pest aus, worauf die Menschen mit Panik und religiöser Hysterie reagieren.
Zur Zeit Julien Barneuves greifen die Deutschen Frankreich an. Einer seiner engsten Freunde schließt sich den Partisanen an, der andere entschließt sich in die Politik zu gehen, um von dort aus das Schlimmste zu verhindern.
Schon bald stellt sich allen die Frage, wo sind die Grenzen erreicht, wofür ist man verantwortlich, ab wann wird man selbst zum Täter?

Ich will vorab nicht zu viel verraten, nur noch so viel:
Iain Pears bietet in diesem Roman einige überraschende jedoch stets überzeugende Wendungen, die einem immer wieder deutlich machen, dass es keine einfachen Antworten auf komplexe Fragen gibt und man bei der Interpretation von Aussagen und Verhaltensweisen anderer vorsichtig sein sollte, insbesondere wenn man den Gesamtkontext und damit die wahren Motive des Äußernden nicht kennt und zwischen den verglichenen Geschehnissen zudem Jahrhunderte liegen.


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