lectrix - Notizen einer Leserin

20. Februar 2008

Diane Broeckhoven: Ein Tag mit Herrn Jules

Abgelegt unter: Diane Broeckhoven — Lectrix @ 22:15

Auf der heutigen Bahnfahrt von Stuttgart nach Hause las ich diese wunderbare Geschichte.

Diane Broekhoven hat wundervoll einfühlsam eingefangen, wie eine alte Frau morgens ihren soeben verstorbenen Mann entdeckt, seinen Tod aber niemanden mitteilt, sondern sich stattdessen noch einen letzten gemeinsamen Tag mit ihm gönnt. Sehr schön auch die Herausforderung, die aus dem Besuch des autistischen Nachbarskinds erwächst, das an diesem Tag ebenso wie jeden Ferientag um 10 Uhr zum Schachspiel mit ihrem Mann herüberkommt und selbstverständlich nicht einfach abgewiesen werden kann…

Er hatte alles verstanden. Ein lebloser Mann auf einem Sofa und eine alte Frau, die dieser vollendeten Tatsache ins Auge sah, paßten in sein Auffassungsvermögen. Das strahlte Sicherheit aus. Jules würde definitiv auf seinem Platz bleiben, die Hände mit den Knien verschmolzen, die halbgeschlossenen Augen auf nichts gerichtet, das Erstaunen wie ein Strich zwischen Nase und Kinn gekerbt. Sie selbst würde nicht weiter als ein paar Meter aus Davids Blickfeld verschwinden, solange er hier war. Nichts Unerwartetes würde in diesem Zimmer geschehen, in dem alles seinen Platz hatte, wie bei einem Schachspiel. Das beruhigte David. Und sie ebenfalls.
Es war für Alice ein Moment der Einsicht, der wortlosen Freude.
(Diane Broeckhoven, übersetzt von Isabel Hessel, 4. Auflage, München: Ch. Beck 2005, S. 74)

Ich kann dieses Buch nur weiterempfehlen, denn es streichelt die Seele.


18. Februar 2008

Jose Saramago: Eine Zeit ohne Tod

Abgelegt unter: Jose Saramago — Lectrix @ 22:32

… und wieder hat mich ein Buch von José Saramago überzeugt.

Erneut mit vielen Kommas, zum Teil recht eigenwilligem Satzbau und kaum Absätzen - dafür aber mit der Bereitschaft konsequenter weiterzudenken als man dies gemeinhin tut:

Der Silvesterabend hatte nicht den üblichen unheilvollen Rattenschwanz von Todesfällen nach sich gezogen, es war, als hätte die alte Atropos mit ihrem gefletschten Pferdegebiss beschlossen, ihre Schere für einen Tag ruhen zu lassen. Blut floss dennoch, und nicht zu knapp. Verwirrt, bestürzt, ihren Brechreiz mühsam unterdrückend zogen die Feuerwehrleute menschliche Körper aus den Trümmern, die nach der mathematischen Logik von Zusammenstößen mausetot hätten sein müssen, trotz der Schwere ihrer Verletzungen und der erlittenen Traumata jedoch noch immer am Leben waren und mit herzzerreißendem Sirenengeheul in die Krankenhäuser eingeliefert wurden. Keiner dieser Menschen sollte auf dem Weg dorthin sterben, und alle sollten die pessimistischen ärztlichen Prognosen widerlegen. Der arme Teufel hat keine Chance, man sollte ihn gar nicht erst operieren, wie beispielsweise der Chirurg zu der Krankenschwester sagte, während diese ihm den Mundschutz umband. Und tatsächlich hätte der Arme am Vortag vielleicht nicht gerettet werden können, doch an diesem Tag weigerte sich das Unfallopfer ganz entschieden zu sterben. Und was hier geschah, das geschah im ganzen Land.”
(José Saramago: Eine Zeit ohne Tod, übersetzt von Marianne Gareis, Reinbek bei Hamburg: Rowohlt 2007, S. 11 f.)

Anstatt sich also unnötig mit der Freude aufzuhalten, die die Menschen empfinden könnten, wenn sie feststellen, dass sie nicht mehr sterben, wendet sich José Saramago direkt den Problemen zu, die mit den ausbleibenden Todesfällen auf die Gesellschaft dieses Landes zu kommen: die Erbfolge gerät in Verzug, wenn die Königinmutter nicht stirbt + Krankenhäuser füllen sich, in Anbetracht der Akkumulation Todkranker und Schwerstverletzter + Familienangehörigen stehen nicht enden wollende Pflegezeiten der Alten bevor + den in der Beerdigungsbranche Beschäftigten (Totengräber, Sargtischler, Leichenbestatter) droht Arbeitslosigkeit+ Lebens- und Rentenversicherungen müssen sich etwas einfallen lassen und nicht zuletzt gerät die Kirche in eine existentielle Sinnkrise …

Welche Lösungen José Saramago Kirche, Versicherungen, Politik und Maphia (sic!) einfallen lässt, soll hier natürlich nicht vorab verraten werden. Sie spiegeln allerdings deutlich wider für wie korrupt und menschenverachtend er diese hält.

Verraten werden muss jedoch, dass José Saramago in diesem Fall nicht nur konsequent von einem einfachen Grundgedanken ausgehend - in “Stadt der Blinden” “Alle Menschen werden blind.” hier nun “Kein Mensch stirbt mehr.” - ein Gedankenexperiment mit allen sich ergebenden Konsequenzen durchdenkt, sondern in diesem Roman auch noch ins Metaphysische / Phantastische wechselt und tod (sic!) personifiziert selbst auftreten und ihr Handeln begründen lässt.

Dadurch wird der Kreis derjenigen, für die dieses Buch zu empfehlen ist, sicherlich noch weiter eingeschränkt.

Mir hat es aber ausgesprochen gut gefallen, inbesondere da José Saramago nicht nur kritisch Gesellschaft und Politik vorführt sowie Respektlosigkeit religiösen Überzeugungen gegenüber an den Tag legt, sondern darüber hinaus auch eine ganze Menge Humor, eine herrliche Stelle voller Selbstironie und sogar eine gute Portion Romantik einfließen lässt.


15. Januar 2008

Julia Franck: Lagerfeuer

Abgelegt unter: Julia Franck — Lectrix @ 21:45

Dieses Buch wurde mir zu Weihnachten geschenkt.

Ich kann das gut nachvollziehen, wurden diesem Buch doch eine Reihe guter Kritiken zu teil, klingt der Klappentext äußerst vielversprechend und macht sich auch die erste Seite - beim Probelesen - sehr gut.

Das ganze erste Kapitel “Nelly Senff fährt über eine Brücke” fand ich dann auch ausgesprochen gut.

Als Kurzgeschichte könnte ich dieses erste Kapitel uneingeschränkt weiterempfehlen.

Auch einige der anderen Kapitel und die Schicksale, die in ihnen zum Ausdruck kommen - z.B. “Hans Pischke im Glück” - gefielen mir.

Aber das Buch als Ganzes nicht, denn die Ansammlung dieser Geschichten, die natürlich Schnittpunkte haben, aber dennoch recht vereinzelt nebeneinander stehen bleiben, konnte mich nicht begeistern. Insbesondere das Ende wirkte auf mich alles andere als überzeugend.

Schade.


26. Dezember 2007

Neil Gaiman: Stardust - Der Sternwanderer

Abgelegt unter: Neil Gaiman — Lectrix @ 23:00

Auch in diesem Jahr schenkten wir denen, bei denen wir die Weihnachtsfeiertage verbrachten, wieder ein Buch zum Vorlesen.

Unsere Wahl fiel aus verschiedenen Gründen auf “Stardust - Der Sternwanderer” - sicherlich nicht zu letzt weil “Coraline” in diesem Kreis bereits so gut ankam.

Berichtenswert ist in diesem Fall vermutlich aber eher, wie wir auf diese Geschichte aufmerksam wurden. Wir erfuhren von ihr nämlich durch eine Kinoankündigung - die Filmrezension klang vielversprechend, der Trailer war verlockend und als wir dann entdeckten, dass die Buchvorlage von Neil Gaiman stammte, war das Interesse endgültig geweckt und wir machten uns auf den Weg zur nächsten Buchhandlung, um uns genauer zu informieren. Dort fanden wir schnell heraus, dass es inzwischen bereits unterschiedliche Ausgaben (zumeist ‘zum Film’) von verschiedenen Verlagen gibt, die zwar textidentisch zu sein scheinen (zumindest bei einigen Stichproben) sich aber in der Aufmachung doch sehr unterscheiden. Da es ein Geschenk werden sollte für jemanden, der Bücher zu schätzen weiß, entschieden wir uns für die Ausgabe vom Verlag Panini, denn zur Zeit enthält anscheinend nur diese die eigentlich dazu gehörenden und auch wunderbar passenden Illustrationen von Charles Vess.

Am 1. und 2. Weihnachtstag las uns unsere Gastgeberin das Buch dann in einem echten Vorlesemarathon vor, dem wir - völlig in Bann geschlagen - aufmerksam folgten.

Es handelt sich um ein wunderschönes Märchen für Erwachsene, das ich als solches uneingeschränkt weiterempfehlen kann.
(”als solches”, weil es mir für Kinder an einigen Stellen doch zu hart erscheint, auch wenn dem anwesenden Knaben dies nichts auszumachen schien.)


12. Dezember 2007

Zeruya Shalev: Liebesleben

Abgelegt unter: Zeruya Shalev — Lectrix @ 18:14

Auch wenn dieses Buch in der Presse und insbesondere auch von vielen bekannten Kritikern hochgelobt wird, mir gefiel es nicht.

Dass ich mich mit der Ich-Erzählerin Ja’ara nicht identifizieren konnte - bzw. das auch nicht gewollt hätte, denn sie lädt (mich?) in keinster Weise zur Identifikation ein -, wäre an sich akzeptabel gewesen. Das geht mir z.B. bei vielen Figuren von Paul Auster schließlich auch so. Aber während ich bei Paul Auster die Handlungen der Akteure stets als zumindest in ihrer eigenen Logik schlüssig erkennen konnte, blieben das Verhalten und die Entscheidungen von Ja’ara das ganze Buch hindurch für mich nicht nachvollziehbar - vielleicht weil mir unbegreiflich blieb, wie sie in diese Abhängigkeit geraten und derartige Erniedrigungen hinnehmen bzw. geradezu erwarten konnte. Denn auch die erotische Anziehungskraft des Mannes, dem sie verfällt, blieb mir verborgen. Und viele der beschriebenen Bettszenen ekelten mich ehrlich gesagt schlichtweg an.

Dass ich das Buch dennoch zu Ende gelesen habe, spricht weniger für die Geschichte als für die Autorin. Aber Zeruya Shalev bietet je nach Gegenstand faszinierend oder gnadenlos detaillierte Beschreibungen und hat einen (mich?) in den Bann schlagenden Schreibstil - bzw. hat diesen ihre Übersetzerin Mirjam Pressler.

Fazit:
Für mich war dieses Buch nichts.
Darum kann ich es auch nicht weiterempfehlen.
Aber ich werde sicherlich irgendwann nochmal etwas anderes von Zeruya Shalev (übersetzt von Mirjam Pressler) lesen…


31. Oktober 2007

Robert Harris: Imperium

Abgelegt unter: Robert Harris — Lectrix @ 19:00

Diesen Roman haben wir uns in zwei Etappen vorgelesen, die erste Hälfte noch vor unserem Sommerurlaub, die zweite Hälfte nun danach. Das Buch bietet sich dafür regelrecht an, denn es enthält zwei Teile und es vergehen zwischen den jeweils beschriebenen Ereignissen auch Jahre, die übersprungen bzw. ganz knapp umrissen werden:

Ich schlage vor, dass ich meinen Bericht zwei Jahre nach den Ereignissen am Ende der letzten Schriftrolle wieder aufnehme. Ich fürchte, dass diese Auslassung viel über die Natur des Menschen aussagt. Würde man mich nämlich fragen: »Warum, Tiro, überspringst du eine solch lange Periode in Ciceros Leben?«, dann käme ich nicht umhin zu antworten: »Weil das glückliche Jahre waren, mein Freund, und was ist langweiliger, als von glücklichen Zeiten zu erzählen?«
[Robert Harris: Imperium, übersetzt von Wolfgang Müller, München: Heyne 2006, S. 245]

Auch wenn diese Auslassung nur vielleicht viel über die Natur des Menschen aussagt, sagt dieses Zitat aber auf jeden Fall viel über diesen Roman von Robert Harris aus:

  • Es handelt sich um eine Biographie Ciceros, die (vorgeblich) Tiro im Rückblick verfasst.
  • Es werden nur die wesentlichen Perioden aufgenommen.
    (im 1. Teil: der Verres-Prozess, im 2. Teil: der (Wahl)kampf um das Amt des Prätors und um das Amt des Konsuls)
  • Diese Perioden sind ereignisreich und gewiss nicht stressfrei, glücklich oder gar langweilig.

Robert Harris gelingt es auf diese Weise auch dem historisch nicht besonders vorgebildeten Leser einen interessanten Zugang zu der Spätphase der römischen Republik mit ihren politischen Verwicklungen und Ränkespielen zu eröffnen.

Durch die Entscheidung für Tiro als Ich-Erzähler hat Robert Harris zudem einen Cicero loyalen Berichterstatter gewählt, der selbst als positive Bezugsperson bestehen bleiben und zugleich Erklärzungen/Entschuldigungen für Ciceros taktierendes Verhalten präsentieren kann. Denn während Cicero im ersten Teil noch als strahlender Saubermann dargestellt werden kann, lassen sich in der Periode des Wahlkampfs bedenklich stimmende Koaliationen, damit verbundene Absprachen und an den Tag gelegte Verhaltensweisen nun mal nicht völlig leugnen, sofern man die geschichtliche Wahrheit nicht zu sehr verbiegen möchte.

Wir haben beide Teile mit Freude und großem Interesse gelesen, denn auch wenn man vorher schon weiß, wie der Verres-Fall ablief, zu welchen Koaliationen es kam und wie die Wahlen ausgingen, bietet dieser Roman eine schöne Auffrischung dieses Wissens aus einem anderen Blickwinkel und in einem angenehm zu lesenden Stil.

Ein empfehlenswerter historischer Roman.


28. Oktober 2007

Björn Larsson: Der keltische Ring

Abgelegt unter: Björn Larsson — Lectrix @ 18:54

Als ich einer Freundin erzählte, dass ich dieses Jahr den Sportbootführerschein Binnen machte, lieh sie mir sofort dieses Buch, welches sie im Rahmen Ihrer Beschäftigung mit der skandinavischen Literatur las, aber meinte, dass mich die Segelszenen ebenfalls faszinieren könnten.

Und wirklich - auch wenn mich die Überquerung der Nordsee und das Segeln vor der Atlantikküste im Winter überhaupt nicht reizt und mein Segelschein für diese Gewässer auch nicht gedacht ist, haben mich sowohl die Beschreibungen der zu ertragenden widrigen Witterungsverhältnisse als auch der zu berücksichtigenden oder zu bewältigenden Gezeitenströmungen vor und zwischen den vorgelagerten Inseln fasziniert - wobei vor allem das Durchbrechen des “Great Race” Corryvreckan in seiner ganzen Tollkühnheit beeindruckend eingefangen wurde.

Besonders packend fand ich jedoch natürlich die Szenen, die sich in Bereichen ereigneten, die ich aus eigener Anschauung kenne, wie zum Beispiel Kanäle mit Schleusen und Drehbrücken, die in einem Thriller durch gezielte Sabotageakte durchaus ebenfalls Probleme aufwerfen können:

Das Durchfahren eines Kanals ist einfach. Es gibt keine Gefahren. Wir waren gerade um eine Biegung gekommen und vor uns lag »Neptun’s Staircase«, die vorletzte Schleusenanlage vor dem Atlantik, eine Schleusentreppe, die aus acht aufeinanderfolgenden Kammern bestand. Am Ende befand sich eine Drehbrücke. [...]
Ich sprang an Deck, um unsere Leinen vorzubereiten, zwanzig Meter lange, ein halben Zoll dicke Polyesterleinen, von denen jede sieben Tonnen aushielt. Wir hätten die Rustica mit ihnen hochheben können. Ich hatte zu viele Schreckensgeschichten über Strömungen in Schleusen gehört und wollte kein Risiko eingehen.
Aber es war alles so ruhig, daß wir das Boot mit einem um den Finger gelegten Bindfaden hätten halten können. Wir standen auf der Kaimauer, jeder mit einer Leine. Die Rustica war mit alten Autoreifen gut abgefedert. Als die Tore sich öffneten, verholten wir sie per Hand in die nächste Schleusenkammer, wo die Prozedur von vorn begann. [...]
Vor der letzten Schleuse gingen wir wieder an Bord, nachdem wir die Leinen so um die Poller gelegt hatten, daß wir die Länge leicht verändern konnten, wenn der Wasserspiegel sank. Kurze Zeit hielt ich zwei Leinen in der Hand, während Torben unten Kaffee holte. Er kam im selben Moment zurück, als sich das letzte Tor öffnete. Ich hatte mich gerade gebückt und wollte den Motor starten. Die Leinen hatte ich schon eingeholt und hatte uns die letzte Minute per Hand an einer Leiter in der Spundwand festgehalten.
Ich richtete mich wieder auf. Im selben Moment ließ Torben die Kaffeetassen fallen und deutete hinter mich.
»Die Tore«, sagte er kaum hörbar. »Sie geben nach.«
Ich drehte mich um. Niemals werde ich diesen Anblick vergessen. Unendlich langsam wurden die mächtigen Tore von den dahinterliegenden Wassermassen aufgedrückt. [...]
Es war der längste Augenblick meines Lebens. Statt eines Rückwärtsgangs hat die Rustica einen drehbaren Propeller, der die volle Schubkraft nicht sofort entwickelt. Es war, als versuchten wir, auf Treibsand vorwärtszukommen.
Wir hatten die geöffneten Schleusentore erreicht, als wir von achtern ein Donnern hörten, das Geräusch von splitterndem Holz und das Dröhnen der herabstürzenden Wassermassen.
»Niedergang zu!« schrie ich.
Jetzt war ich dankbar für alle Vorkehrungen, die ich getroffen hatte, um die Rustica seetüchtig zu machen. Ich wusste, sie blieb auch dann dicht, wenn der riesige Schwall über uns hinweg ging. Ein paar Liter würden durch den Lufteinlass des Motors laufen, das war alles.
Torben zog die Luke mit einem Knall zu, aber als er sich umdrehte, sah ich seinen Blick.
»Die Brücke!« schrie er.
Etwa fünfzig Meter vor uns versperrte die Drehbrücke den Weg. Sie war so niedrig, daß die Rustica sie nicht einmal mit umgelegten Mast hätte passieren können. Sicher hatte der Schleusenwärter den Knopf gedrückt, aber die Brücke würde sich niemals rechtzeitig öffnen. Trotzdem…
(Björn Larsson: Der keltische Ring, aus dem Schwedischen von Jörg Scherzer, Berlin: Goldmann 2000, S. 156-158)

Mit was für einem waghalsigen, aber perfekt ausgeführten - und zumindest theoretisch denkbaren - Manöver der Skipper diese gefährliche Situation meistert soll hier noch nicht verraten sein. Es sei aber angemerkt, dass schon erstaunlich ist, was dieser Skipper mit einem Segelboot machen kann… Und dabei ist er noch nicht mal der beste Segler in dieser Geschchte. Derjenige, den er verfolgt, kann noch viel mehr. Björn Larsson beweist denn auch an einigen Stellen dieses Buches, dass gegenüber den üblichen Verfolgungsjagden mit dem Auto Verfolgungsjagden mit dem Segelboot einen eigenen Reiz haben.

Was macht es da schon, wenn ich die enthaltene Liebesgeschichte für überzogen halte, dass mich eine angeblich noch auf die Druiden zurückgehende, jahrhundertealte, keltische Widerstandsbewegung als Hintergrund nicht überzeugte und die Motive für die Morde meines Erachtens nicht schlüssig sind.

Fazit:
Mir hat die Lektüre der Segelbeschreibungen gefallen - und da diese erst durch die Einbindung in eine Verfolgungsjagd ihre Berechtigung erhalten, weil ansonsten kaum ein nur halbwegs verantwortungsbewusster Skipper derartige Manöver fahren oder ein Auslaufen unter solchen Bedingungen wagen würde, ist die Hintergrundgeschichte als solche hinzunehmen.


21. Oktober 2007

Lewis Carroll: Alice hinter den Spiegeln

Abgelegt unter: Lewis Carroll — Lectrix @ 08:46

Es wurde einfach Zeit, dass ich “Alice hinter den Spiegeln” endlich las.

Und auch wenn diese Geschichte mir insgesamt vielleicht doch zu verworren und zu abgedreht ist, habe ich doch sehr viele Passagen absolut genossen, z.B. diese:

»Es ist bloß noch Heu übrig«, sagte der Läufer nach einem Blick in den Beutel.
»Also gut, Heu«, sagte der König mit schwacher Stimme.
Alice sah mit Erleichterung, wie sehr ihn dieser Imbiß zu kräftigen schien.
»Bei einem Schwächeanfall hilft nichts wie Heu«, bemerkte der König, mit vollen Backen kauend.
»Ich meine fast«, schlug Alice vor, »ein kalter Guß oder etwas Riechsalz helfen da vielleicht doch besser.«
»Ich sage ja nicht, nichts hilft besser als Heu«, sagte der König, »sondern nichts hilft wie Heu.«
Alice unterließ es lieber, ihm zu widersprechen.
(Lewis Caroll: Alice hinter den Spiegeln, übersetzt von Christian Enzensberger, Frankfurt a.M.: Insel 2001 (insel taschenbuch 97), S. 98 f.)

Darüber hinaus gibt es jede Menge herrlich skurrile Figuren. Genannt seien hier nur die drei mir sympathischsten: 1. die verwirrte Weiße Königin, die rückwärts in der Zeit zu leben behauptet und die damit verbundenen Vorzüge anpreist, 2. der ständig von seinem Pferd fallende Weiße Ritter und 3. das Einhorn, das Kinder zuvor immer für Fabelwesen hielt.

Unabhängig davon handelt es sich bei diesem Buch zudem um einen echten Klassiker. Wie oft auf ihn Bezug genommen wird, bzw. Anspielungen auf ihn erfolgen, ist mir so richtig allerdings erst bei der Lektüre bewusst geworden. Allein schon insofern war er des Lesens wert.

Hinzu kommen dann noch die wunderschönen, detailfreudigen Illustrationen von John Tenniel, deren Betrachtung einfach Spaß macht.

Alles in allem, kann ich allen, die “Alice hinter den Spiegeln” noch nicht kennen, nur nahe legen, dieses Büchlein zur Hand zu nehmen und ihm eine Chance zu geben.


19. Oktober 2007

Radek Knapp: Herrn Kukas Empfehlungen

Abgelegt unter: Radek Knapp — Lectrix @ 07:40

Dieses Buch wurde mir vor kurzem an einem gemütlichen Abend von meiner Gesprächspartnerin empfohlen, nachdem wir uns schon eine Weile über diverse Bücher, die wir beide gelesen hatten, austauschten und dabei fest stellten, dass wir dieselben Vorlieben zu haben schienen. Als ich Anfang der Woche also wieder in der Bibliothek war, hielt ich darum gezielt danach Ausschau.

Nach der Lektüre kann ich mich für diese Emfehlung nur bedanken, die sich als wesentlich zutreffender erwies, als die Empfehlungen Herrn Kukas, nach denen das Buch benannt ist.

»Sagt Ihnen vielleicht das Hotel Vier Jahreszeiten etwas? Ihr Freund, Herr Kuka, hat es mir nämlich empfohlen.«
»Oh! Das ist ganz nah.« Er [Pfarrer und die von Herrn Kuka empfohlene, erste Kontaktperson] zeigte auf die Wand, wo das Kreuz mit Jesus Christus hing. »Gleich auf der anderen Straßenseite.«
»Auf der anderen Straßenseite ist nur irgendein Schloß. Ich habe es vom Busfenster aus gesehen.«
»Genau. Das Belvedere.«
»Und dort ist das Hotel Vier Jahreszeiten? Herr Kuka sagte, es kostet nichts.«
»Das stimmt auch. Denn im Belvedere ist ein Park. Und in dessen Westteil wiederum ist ein Springbrunnen, in dem vier Marmorgrazien stehen und die vier Jahreszeiten symbolisieren. Dahinter ist eine Hecke mit einer Parkbank. Das hat Herr Kuka wohl gemeint.«
Meine Beine gaben nach. Ich hätte mich beinah doch hingesetzt. Das schlug dem Fass wirklich den Boden aus. Alles, was Herr Kuka erwähnt hatte, verwandelte sich auf wundersame Weise ins Gegenteil. Der Dream Travel war ein Kühlschrank, mein Glücksbringer ein Schmuggelversteck und das Hotel Vier Jahreszeiten eine Parkbank.
(Radek Knapp: Herrn Kukas Empfehlungen, 2. Auflage, München: Pieper 1999, S. 58)

Und damit ist es mit den Ernüchterungen, die der Ich-Erzähler Waldemar bei seinem Wien-Besuch erfahren muss, noch lange nicht genug, denn der Westen erweist sich als ganz anders als der Westen, den er sich in Polen bei seinen Reise-Vorbereitungen ausgemalt hat und den Herr Kuka beschrieb.

Radek Knapp schrieb einen eigentlich leicht und locker zu lesenden Roman, der einem aber zwar einerseits höchst vergnügliche Lektüre bietet, andererseits jedoch schon auch gängige Vorurteile bewusst und auf soziale/politische Missstände aufmerksam macht.

Mir gefiel diese Mischung ausgesprochen gut.
Ich kann das Buch meinerseits also ebenfalls empfehlen.


12. Oktober 2007

Daniel Kehlmann: Die Vermessung der Welt

Abgelegt unter: Daniel Kehlmann — Lectrix @ 08:15

In den letzten beiden Tagen habe ich dieses Buch gelesen. Es wurde mir von einem Arbeitskollegen geliehen, der überzeugt davon war, dass es mir gefallen würde. Er hatte Recht. Ich habe die Lektüre genossen.

Daniel Kehlmann gelingt es, dem Leser in einem Buch Alexander von Humboldt und Carl Friedrich Gauß auf angenehm lesbare Weise näher zu bringen, indem er eine Anekdote an die andere reiht, einige Begebenheiten dazu erfindet sowie einzelne Situationen überzeichnet und so gleichermaßen das Genie als auch die Eigenarten der beiden Hauptpersonen vermittelt.

Dass man viele der Anekdoten schon kennt, tut dem Lesevergnügen keinen Abbruch. Eher im Gegenteil, denn Daniel Kehlmann erzählt sie sehr nett ausgeschmückt nach.

Zum Appetit machen je ein Beispiel:

Auf dem Weg nach Spanien vermaß Humboldt jeden Hügel. Er erklomm jeden Berg. Er klopfte Steinproben von jeder Felswand. Mit seiner Sauerstoffmaske erkundete er jede Höhle bis in die hinterste Kammer. [...]
Er [Bonpland] begann sich zu wundern. Ob das denn nötig sei, fragte er, man sei schließlich auf der Durchreise, man wolle doch nur nach Madrid und wäre viel schneller dort, wenn man einfach nur hinritte, Herrgott noch mal.
Humboldt überlegte. Nein, sagte er dann, er bedauere. Ein Hügel, von dem man nicht wisse, wie hoch er sei, beleidige die Vernunft und mache ihn unruhig. Ohne stetig die eigene Position zu bestimmen, könne ein Mensch sich nicht fortbewegen. Ein Rätsel, wie klein auch immer, lasse man nicht am Wegesrand.
(Daniel Kehlmann: Die Vermessung der Welt, 17. Aufl., Rowohlt: Reinbek bei Hamburg 2006, S. 41 f.)

und

Er habe sich jetzt entschieden, sagte Gauß.
Wofür? Bartels sah zerstreut auf.
Gauß seufzte ungeduldig. Für die Mathematik. Bisher habe er sich ja auf die klassische Philologie verlegen wollen, und noch immer gefalle ihm der Gedanke, einen Vergil-Kommentar zu schreiben, besonders über Aeneas’ Abstieg in die Unterwelt. Seiner Ansicht nach habe keiner dieses Kapitel richtig erfaßt. Aber dafür sei ja noch Zeit, er sei schließlich erst neunzehn. Zunächst einmal habe er eingesehen, daß er in der Mathematik mehr leisten könne. Wenn man schon auf der Welt sein müsse, gefragt habe einen ja keiner, könne man auch versuchen, etwas zustande zu bringen. Zum Beispiel die Lösung der Frage, was eine Zahl sei. Die Grundlegung der Arithmetik.
Ein Lebenswerk, sagte Bartels.
Gauß nickte. Mit etwas Glück werde er in fünf Jahren fertig sein.
(Daniel Kehlmann: Die Vermessung der Welt, 17. Aufl., Rowohlt: Reinbek bei Hamburg 2006, S. 85 f.)

Durch die Gegenüberstellung der beiden Lebenswege und Ansichten werden sowohl Unterschiede als auch Gemeinsamkeiten deutlich: Die empirische versus die rationalistische Erfassung der Welt - die beide gleichwohl Unverständnis von der Umwelt ernten, zwar zu großem Ruhm verhelfen, aber dennoch zu (innerer) Einsamkeit führen.

Herrlich eingefangen, die immense Welterkenntnis bei gleichzeitiger absoluter Weltfremdheit, die sowohl den Weltreisenden als auch den Daheimbleibenden verbinden.

Fazit:
Niveauvolle und zugleich unterhaltsame Lektüre.
Auch wenn ich etwas bedauerlich finde, wie schlecht Wilhelm von Humboldt (gemein) und Immanuel Kant (völlig verwirrt) wegkommen, kann ich das Buch nur weiterempfehlen.


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