Lectrix – Notizen einer Leserin

8. April 2007

Jan Weiler: In meinem kleinen Land

Filed under: Jan Weiler — Lectrix @ 11:06

Meine Mutter erwarb seit unserem letzten Besuch ein paar neue Bücher. Neugierig inspizierte ich ihre Wahl. Obenauf lag das Taschenbuch „In meinem kleinen Land“, dessen erster Abschnitt mich direkt zum Schmunzeln brachte und an dem ich regelrecht kleben blieb:

Willkommen zu diesem Buch. Ich darf Sie gleich darauf aufmerksam machen, dass Sie sich keinen Reiseführer gekauft haben. Wenn dies Ihre Absicht war, findet die Produktenttäuschung wenigstens ganz am Anfang statt. Was Sie in Händen halten, ist ein Reisetagebuch. Und das ist etwas ganz anderes. Es stehen keine Handreichungen für Ausflüge zu Sehenswürdigkeit drin. Ebenso fehlen Listen mit günstigen Hotels, in denen man ein gutes Frühstück bekommt. Auch Reiserouten für Schnäppchenjäger sind nicht enthalten. Aber was sonst? Eindrücke, Geschichten, Gespräche über und in unserem erstaunlichen kleinen Land.
Ich habe es von September 2005 bis Juni 2006 während einer Lesereise kennengelernt und darüber Buch geführt, indem ich jeden Tag notierte, was passiert war. Dieses Prinzip führt natürlich zu Ungerechtigkeiten, denn man kann fast keinem Ort gerecht werden, indem man dort nur einen Tag verbringt. Das Procedere war täglich gleich: mit dem Zug anreisen, per Taxi oder zu Fuß ins Hotel. Dann spazieren gehen. Etwas essen. Menschen in Theatern, Buchhandlungen oder Kulturzentren vorlesen. Schlafen. Frühstücken. Schreiben. Mit dem Zug wieder abreisen. Auf diese Weise bleibt einem Ort nur eine kurze Zeit, um sich einzuprägen. Es entgeht dem Besucher natürlich so manches. Man übersieht die Schönheit Dortmunds, und leider war ich nicht im Sommer in Speyer, sondern am kältesten Wintertag. Mein Urteil über Itzehoe fällt wahrscheinlich ungerecht aus, jenes über Dresden ist womöglich gemein. Manchmal bekommt man falsche Eindrücke, sieht nicht richtig hin. Ich bitte dafür um Entschuldigung. Andererseits macht gerade das die Reise interessant. Was bleibt beim flüchtigen Kennenlernen einer Stadt hängen? Wo sieht man hin, was will man wissen? Und kann man sich in eine Stadt verlieben? Aber ja!
Orte sind wie Menschen. Sie haben Charakter, Charme, Ausstrahlung. Oder auch nicht. Sie sind hässlich oder zu klein. Sie sehen grau aus oder alt oder freundlich. Sie grüßen überschwänglich oder gar nicht. Sie wollen Dich einladen oder verscheuchen. Davon – und von den Menschen in diesen Orten – handelt dieses Buch.
(Jan Weiler: In meinem kleinen Land, Reinbek bei Hamburg: Rowohlt 2006, S. 11 f.)

Von dieser Einleitung sehr angetan – und zudem begeistert von der simplen Idee, an Stelle eines gewöhnlichen Inhaltsverzeichnisses passender (und hilfreicher) Weise eine Karte von Deutschland einzufügen, in der die Orte der Reise an ihrem geographischen Ort eingetragen und lediglich mit einer Seitenzahl versehen wurden – entschied ich mich, statt des eigentlich als Osterlektüre vorgesehenen Buches, dieses Reisetagebuches zwischen zu schieben. In meinem Osterurlaub ließ ich mich also von Jan Weiler gedanklich mit in die verschiedensten deutschen Städte nehmen und mir einen ersten – häufig sicherlich sehr subjektiven – Eindruck von ihnen vermitteln.

Ich las das Buch in den letzten Tagen von vorn bis hinten durch. Man hätte es auch eklektizistisch lesen können, mich sprachen Stil, Humor und gebotene Einblicke aber derart an, dass ich keine der Beschreibungen missen wollte.

Jeder Station seiner Lesereise sind ein, zwei, drei, maximal vier Seiten gewidmet, bei denen allerdings unterschiedlich viel Raum der gerade besuchten Stadt zukommt, da zum Teil auch Berichte über Erlebnisse auf An- oder Abreise, einige Erinnerungen an frühere Ereignisse sowie Abschweifungen zum aktuellen politischen Geschehen eingeflochten sind. Durch die Lektüre habe ich nebenbei sicherlich einiges gelernt (z.B. dass der Handlungsort des Romans »Frankenstein« Ingolstadt ist, wo zu Beginn des 19. Jahrhunderts eine berühmte Universität ihren Sitz hatte), trotz der Ankündigung zu Beginn doch ein paar Besuchstipps bekommen (z.B. das »Phaeno« in Wolfsburg), mich aber vor allem gut unterhalten gefühlt.

Da mir die meisten Kapitel gefielen, stehe ich nun vor der Qual der Wahl eines geeigneten Beispiels für die Stadtbeschreibungen Jan Weilers, aber nach langem Schwanken entscheide ich mich für einen Auszug aus dem Kapitel zu Freiburg, da bei diesem gleichermaßen die Leichtigkeit der Beschreibung als auch die Subjektivität und der Tagebuchcharakter des Buches zum Ausdruck kommen:

Das Kontrastprogramm zu Pforzheim ist Freiburg. So was von schön. Überall zufriedene Menschen, die nur Biogemüse kaufen. Studenten, die in der Sonne sitzen, top gelaunte Penner und überall verwinkelte Fachwerkhäuser und Teeläden. Doll. Fast schon zu doll, fast schon ein ganz kleines bisschen nervig doll. Wahrscheinlich war Freiburg mal eine ganz normale Stadt, aber dann kam der Dufte-Faktor SC Freiburg und das schöne Wetter, und die haben eine Oase des Wohlfühlens, des Freigeistertums und der mit bunten Kreiden gemalten Mittagsmenüschilder daraus gemacht. Ich nenne das die vollkommene Volkerfinkisierung einer Stadt. Immer noch besser als die totale Ottfriedfischerisierung von Bad Tölz. Das auf jeden Fall.
Allerdings wird Freiburg seinem Image volle Pulle gerecht. Ökohauptstadt. Die meisten Sonnentage. Hohe Kneipendichte. Studentinnen, die sich bei warmen Wetter sofort ausziehen.
Studenten lieben originelle Speisekarten. Im «Café Legères» gibt es unter anderem das Frühstück «Legères» zu 1,59 Euro. Es besteht aus einem Kaffee und einer Zigarette. Hihi. Existenzialisten-Frühstück. Außerdem wird dort Ravioli mit Steinpilzen angeboten. Ein Gericht, von dem ich auch Stunden später noch etwas habe. Studentenkneipen sind einfach keine Orte kulinarischer Entdeckungen. Hätte ich auch vorher wissen können.
(Jan Weiler: In meinem kleinen Land, Reinbek bei Hamburg: Rowohlt 2006, S. 76)


2 Comments

  1. Ergänzend erlaube ich mir auch noch einen Auszug aus dem Kapitel zu Passau zu zitieren, da mich inzwischen jemand darauf ansprach, dass das Buch von Jan Weiler ja ganz nett zu sein scheine, aber doch wohl recht oberflächliche Eindrücke schildere und wenig konkrete Informationen böte. Das mag bei der beispielhaft zitierten Vorstellung Freiburgs zutreffend sein, die Vorstellung Passaus kann demgegenüber einen Eindruck von der häufig ebenfalls trotz nettem Plauderton vorhandenen hohen Informationsdichte vermitteln:

    Ich bin heute in Passau. Lesung in diesem Kleinod von einer Stadt, die ich vollkommen überschätze. Ich habe angenommen, Passau sei mindestens so etwas wie Regensburg. Tatsächlich ist Passau aber ganz winzig. Wie kommt nun dieses Missverständnis zustande? Das liegt sicher an den Superlativen, die sich vergrößernd auf die Stadt auswirken. Die Passauer gebieten beispielsweise über die größte Kirchenorgel der Welt: fünf Orgelwerke, zweihunderteinunddreißig Register und sage und schreibe 17 388 Pfeifen. So eine Stadt kann nicht winzig sein. Ist sie aber. Auf jede Passauer Pfeife kommen 2,9 Passauer Bürger, macht insgesamt ungefähr 50 000. Auch der Umstand, dass hier drei Flüsse zusammenfließen, lässt den Trugschluss zu, dass Passau eine mächtige Handelsstadt ist. Tatsächlich ist das Treffen von Ilz, Inn und Donau zwar recht hübsch anzuschauen, dabei wirkt aber die Passauer Altstadt, die von Donau und Inn umspült wird, eher wie ein schutzbedürftiges Inselchen und nicht wie eine wehrhafte Stadt. Wenn die Flut kommt, versinkt Passau. In den schmalen Gassen in Rathausnähe darf deshalb niemand im Erdgeschoss wohnen. Zu gefährlich. Auf den Hauswänden lässt sich ablesen, wo das Wasser zuletzt gestanden hat. Die Markierungen im Putz ähneln den Strichen, mit denen Eltern das Wachstum ihrer Kinder am Türstock markieren.
    Der dritte Irrtum, der mich Passau für groß halten lässt, speist sich aus der politischen Bedeutung der Stadt. Der politische Aschermittwoch der CSU wird seit vielen tausend Jahren in Passau abgehalten, und man hält ja nicht für möglich, dass die CSU so ein medienwirksames Spektakel in einer Kleinstadt veranstaltet, in der von 1892 bis 1894 übrigens Adolf Hitler gewohnt hat. Wäre Hitlers Vater drei Jahre früher als Zollbeamter nach Passau versetzt worden, müsste Passau damit klarkommen, Hitlers Geburtsort zu sein.
    Wer sich daran gewöhnt hat, dass der Ort recht schnell durchmessen ist, kann hier sehr glücklich sein, denn Passau ist bezaubernd. Es hat Flair, wie es in der Tourismussprache heißt.
    (Jan Weiler: In meinem kleinen Land, Reinbek bei Hamburg: Rowohlt 2006, S. 336 f.)

    Comment by Lectrix — 9. April 2007 @ 18:38

  2. […] Bei Lectrix bin ich auf ein interessantes Buch aufmerksam geworden. “In meinem kleinen Land” heißt dieser subjektive und ungewöhnliche Reiseführer und beschreibt einige deutsche Städte, die Jan Weiler bei einer Lesereise besucht hat. Sie zitiert einige Abschnitte über Freiburg und Passau, in denen ein durchaus netter Stil zu erkennen ist. Auf NDR Kultur hat eine Rezension des Buches. Sie zitieren eine kurze Passage über Hannovers Innenstadt, die ich absolut passend finde und deshalb oberhalb angeführt habe. […]

    Pingback by marc pentermann.de » Alternativer Reiseführer für Deutschland — 9. April 2007 @ 22:35

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