Lectrix – Notizen einer Leserin

27. Oktober 2006

Jonathan Carroll: Schlaf in den Flammen

Filed under: Jonathan Carroll — Lectrix @ 17:30

Dieser Roman wurde mir von einem Arbeitskollegen geliehen. Nach dem ersten Kapitel war ich schon so begeistert, dass ich die Lektüre abbrach und es ein paar Tage später meinem Lebenspartner nochmal von vorne vorzulesen begann.
Eine gute Entscheidung, denn es gefiel uns beiden sehr.

Jonathan Carroll gelingt es insbesondere hervorragend, zwischenmenschliche Beziehungen relativ knapp, aber dennoch alles Wesentliche vermittelnd, einzufangen.
So beschreibt der Ich-Erzähler seine vorausgegangene Ehe folgendermaßen:

Meine Frau und ich hatten uns über eine solche Verabredung [= ein Blind Date] kennengelernt und verdankten diesem Rendezvous sieben schöne gemeinsame Jahre. Schließlich trennten wir uns, nachdem wir beide aus häßlichen, selbstsüchtigen Motiven und mit noch häßlicheren Ergebnissen durch fremde Betten geturnt waren. Bei der Scheidung standen sich zwei grobe, gemeine Menschen gegenüber, die sich Halbwahrheiten übereinander an den Kopf warfen.
Warum war es schiefgegangen? Es mochte daran liegen, daß der Fortbestand einer Ehe, so herrlich sie zuweilen sein kann, unweigerlich eine heikle, kipplige Sache bleibt. In mancher Hinsicht geht es einem damit so ähnlich wie mit der massiv goldenen Uhr, die man von seinem Vater als Familienerbstück zum bestandenen Examen bekommt. Sie ist ein wundervoller Anblick und ein schöner Besitz, aber eben auch etwas anderes als ein Zwanzig-Dollar-Flüssigkristall-Teil aus Kunststoff und Plastik, das auch ohne Pflege genau geht.
Das goldene Schmuckstück will jeden Tag aufgezogen sein, um richtig zu gehen, und ständig muß es nachgestellt werden, und man muß damit zum Juwelier, um es reinigen zu lassen… Es ist wunderschön, erlesen und wertvoll, aber die Plastikuhr macht keine Arbeit und geht dabei genauer. Der Haken an Zwanzig-Dollar-Uhren ist nur, daß sie alle irgendwann einfach stehenbleiben. Dann kann man sie nur noch wegwerfen und eine neue kaufen.
Klar wurde mir das, als unsere Ehe abgelaufen war und stehenblieb. Danach stand ich dumm da und war kreuzunglücklich, aber es gab schon lange nichts mehr zu reparieren, und wir wollten uns beide nicht mehr sehen.
(Jonathan Carroll: Schlaf in den Flammen, Frankfurt a.M.: Suhrkamp 1990, S. 13)

Diese Trennung liegt zu Beginn der Geschichte bereits ein Jahr zurück und der Ich-Erzähler lernt Maris kennen, die sich als seine große Liebe herausstellt.

Wenn man sich nach ungefähr einem Drittel des Romans dann allmählich zu fragen beginnt, warum dieses Buch in der „Phantastischen Bibliothek“ von Suhrkamp erschienen ist – ob das z.B. daran liegen könnte, dass der zuständige Sachbearbeiter so eine schöne Liebesgeschichte für unrealistisch hielt, oder ob das eher darauf hinweisen soll, dass der Schreibstil fantastisch schlicht aber überzeugend ist – wenn man sich das also gerade zu fragen beginnt – wobei einen das eigentlich nicht stört, denn die Liebesgeschichte ist schön und der Schreibstil fantastisch – gerade dann beginnen seltsame Begebenheiten im Leben des Ich-Erzähles aufzutreten und er hat immer verwunderlichere Träume. Den Anfang bildet dieser:

In jener Nacht träumte ich, ich sei ein Baby in einer goldenen, mit Fellen ausgelegten Krippe. Eine Frau mit sehr langem bernsteinfarbenem Haar, das ihr übers Gesicht fiel, sah auf mich herab. Obwohl ich noch ganz klein war, höchstens ein paar Monate alt, verstand ich sie, als sie zu mir sprach.
»Alles habe ich versucht, aber ich hätte nie gedacht, wie viele Namen es gibt: Klodwig, Mamertus, Markwart, Nepomuk. Von überall her kommen die Leute , von überall, und sie bringen neue Namen: Odo, Onno, Ratbod, Ratward, Pankratius…«
Sie vergrub ihr Gesicht in den Händen und brach in Tränen aus.
Mehr weiß ich von dem Traum nicht.
(Jonathan Carroll: Schlaf in den Flammen, Frankfurt a.M.: Suhrkamp 1990, S.76)

Da sich ab da paranormale Erlebnisse, Wiedergeburtsphänomene, märchenhafte Ereignisse häufen, sollten dieses Buch nur Leute lesen, die so etwas mögen, denn nur ihnen wird auch das Ende gefallen. Dafür sind wir aber auch sicher, dass ihnen die gefundene Lösung ebenso zusagen wird wie uns.


1 Kommentar »

  1. Ein Gutes Buch, wenn man es schafft, den aufkeimenden Verdacht zu unterdrücken, dass der Autor einem eine leicht esoterische Botschaft mit auf den Weg geben möcht – dieser Verdacht wird glücklicherweise am Ende relativiert … und das ist, wie gesagt, gut so!

    Gruß
    Dirk

    Comment by Dirk — 1. Dezember 2006 @ 13:29

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